Gedanken

Die Mitarbeitenden der Neuen Marienkirchengemeinde möchten hier ihre Gedanken und Worte mit Ihnen teilen. 

Viel Freude beim Lesen und inspirieren lassen.

„Gruß aus der Marienkirche Reutlingen“ - Juni 2021

von Manfred Häußler, ehrenamtlicher Mitarbeiter bei den „Orgel-Gedanken“

Der Ball rollt. Die Fußball-Europameisterschaft hat begonnen. Formulierungen wie „Die Fan-Gemeinde ist versammelt“ – „Sie glauben fest an den Sieg“ – „Bringt ein Freistoß die Erlösung?“ – „2:0, es ist vollbracht“ werden wir aus dem Mund der Kommentatoren zu hören bekommen oder in der Zeitung lesen. Die religiös gefärbte Sprache, die Rituale und Gesänge in den Stadien und anderes lassen manche Beobachter vermuten, der Fußball sei eine Ersatzreligion und die Hingabe der Fans ein Glaubensersatz. Da mag durchaus etwas dran sein. Für mich ist beides wichtig und beides muss sein: Die Beziehung zu Gott im Glauben als die wichtigste Hauptsache im Leben, der Fußball allerhöchstens als wichtige Nebensache.

Ich sehe auch die im Grunde unvergleichbaren Unterschiede zwischen beidem und möchte dies an zwei alten Fußballsprüchen erläutern: Der Ball ist rund – Ein Spiel dauert 90 Minuten.

Der Ball ist rund – eine Kugel. Eine Kugel hat keine Ecken und Kanten, ihre Fläche ist ohne Anfang und Ende, sie ist ein Symbol der Vollkommenheit. Aber: Die Kugel ist kein Bild Gottes, jedenfalls kein biblisches. Gott scheint nicht rund zu sein im Empfinden und in den Erfahrungen, die Menschen mit ihm gemacht haben und machen. Und folglich ist auch der Glaube nicht einfach eine ’runde Sache’.

Die in der Bibel erzählte Geschichte Gottes mit einzelnen Menschen und mit dem Volk Israel ist von Brüchen gekennzeichnet. Um es in der Fußballersprache zu sagen: wenig Spielfluss, viele Fouls, gelbe und rote Karten. Die handelnden Personen zeigen Ecken und Kanten. Denken wir z. B. an Jona. Ihm ist Gottes Auftrag lästig. Er flüchtet vor Gott und entkommt ihm dennoch nicht. Denken wir an den jungen Mann, der gerne mit Jesus gehen würde, dem aber sein Besitz einen Strich durch diese Absicht macht. Traurig geht er weg. Denken wir an Paulus, der zunächst aufs falsche Pferd setzt, indem er die Christen bedrängt und verfolgt, bis ihn Gott von seinem hohen Ross stößt, ihm die Augen zuerst schließt und dann neu öffnet. Er wird zum Apostel, der uns Europäern die Gute Nachricht von Kreuz und Auferweckung Jesu verkündigt hat. Denken wir an uns selbst, an unseren Glauben, bei dem auch nicht alles rund läuft. An die Zweifel, die uns plagen angesichts der Ungerechtigkeit in der Welt und angesichts der Schwierigkeiten und Sorgen im engeren Lebensumfeld. An beidem sind wir selbst oft ursächlich beteiligt. Aber – und das ist wichtig: Denken wir auch an das, was gelingt und was schön ist im Glauben.

Im Psalm 18(,30.37) heißt es:
Mit dir kann ich Wälle erstürmen
und mit meinem Gott über Mauern springen.
Du gibst meinen Schritten weiten Raum, dass meine Knöchel nicht wanken.

Fast schon Fußballersprache. Apropos, da ist ja noch die andere Fußballweisheit:

Ein Spiel dauert 90 Minuten. 90 Minuten Spannung und Gelegenheit zu gewinnen, aber halt auch zu verlieren. Am Ende dann Freude oder Enttäuschung. Da hat der Glaube mehr zu bieten. Er möchte das ganze Leben umfassen und weist darüber hinaus. Der Glaube bewährt sich in der Zeit und wird vollendet in der Ewigkeit.

Hören wir zum Schluss auf Paulus und seine vom Sport beeinflussten Sätze:

Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten; hinfort liegt für mich bereit die Krone der Gerechtigkeit, die mir der Herr, der gerechte Richter, an jenem Tag geben wird, nicht aber mir allein, sondern auch allen, die seine Erscheinung lieb haben. (2. Tim 4,7f)

„Gruß aus der Marienkirche Reutlingen“ - Juni 2021

von Manfred Häußler, ehrenamtlicher Mitarbeiter bei den „Orgel-Gedanken“

Wie ist eigentlich Ihr Kontostand? Diese Frage zielt natürlich nicht auf Ihr Bankkonto. Sie wissen ja: wenn’s um Geld geht, Sparkasse. In diesem Impuls geht es mit dieser Frage nicht um’s Geld. Denn wir führen nicht nur Geld-Konten, wir führen auch allerhand andere Konten, z.B. jenes innere Kontobuch, in dem wir unsere Erfahrungen festhalten. Jeden Tag machen wir Eintragungen in dieses innere Kontobuch. Die negativen Erfahrungen versehen wir mit einem Minus – wer weiß, womöglich haben Sie sich heute schon über etwas oder über jemanden geärgert, vielleicht sogar über sich selbst. Und die positiven mit einem Plus – ein freundlicher Blick des Nachbarn beim Verlassen des Hauses, ein nettes Gespräch auf dem Markt, schöne Orgelmusik in der Kirche.

Neben diesen kleinen, fast alltäglichen Erfahrungen gibt es die gewichtigen, die uns länger beeindrucken – als Freude, die uns erhebt, oder als Last, die uns niederdrückt. Kennen Sie das auch, dass die eher negativen Erfahrungen schwerer zu wiegen scheinen? Dass sie eine besondere Kraft und manchmal auch spürbar mehr Macht über uns haben? Ich merke das eine oder andere Mal, dass eine Enttäuschung oder eine wie auch immer entstandene schlechte Stimmung sich auf eine spätere Situation oder eine Begegnung mit einem Menschen auswirken und diese vermiesen kann. Und schon gebiert die eine negative Erfahrung die nächste.

Jesus weiß um diese Gefahr und macht sie seinen Jüngern bewusst. Als er sie aussendet, um in den Dörfern ringsum die Botschaft vom Reich Gottes zu verkünden, gibt er ihnen mit auf den Weg: Und wenn euch jemand nicht aufnehmen und eure Rede nicht hören wird, so geht heraus aus diesem Hause oder dieser Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen. (Mt 10,14) Schüttelt den Staub von euren Füßen! Lasst die negativen Erfahrungen hinter euch zurück! Nehmt sie nicht mit! Lasst nicht zu, dass die negativen Erfahrungen in euch Bitterkeit, Unfrieden, vielleicht sogar Hass hervorrufen! Geht unbeschwert weiter und seid offen für neue, hoffentlich gute und schöne Erfahrungen.

Also: Einmal schütteln und sich frei machen vom Ärger über sich selbst. Einmal schütteln und die Enttäuschung über eine unfreundliche Bemerkung eines Kollegen loswerden. Einmal schütteln und… – ja, das ist leichter gesagt als getan. Was, wenn die schlechten Erfahrungen hartnäckig das bleiben, was sie sind? Wenn das innere Konto überzogen bleibt? Dann gibt es noch die Möglichkeit, das Konto durch Einbuchungen guter Erfahrungen auszugleichen oder sogar ins Positive, ins Plus zu wenden.

Johann Wolfgang von Goethe macht dazu folgenden Vorschlag:

„Man sollte alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es möglich zu machen wäre, ein vernünftiges Wort sprechen.“

Alle Tage, täglich. Naja, einen Versuch wär’s wert. Ich möchte gerne noch hinzufügen:

Man könnte alle Tage eine kleine Zeit der Stille vor Gott aushalten; einem Wort der Bibel Gelegenheit geben, dass es mich erreicht; für eine Situation oder einen Menschen im Gebet einstehen und, wenn es möglich zu machen wäre, …

Sie finden selbst eine Fortsetzung.

Sollte, könnte, ma sott halt, gell, ma könnt doch … – es geht dabei nicht um‘s Moralisieren, sondern darum, gute Erfahrungen möglich zu machen.

In diesem Sinne: Möge die nächste Kontoabfrage erfreulich ausfallen.

„Gruß aus der Marienkirche Reutlingen“, Pfingsten 2021

von Manfred Häußler, ehrenamtlicher Mitarbeiter bei den „Orgel-Gedanken“


„Pfingsten sind die Geschenke am geringsten, während Ostern, Geburtstag und Weihnachten was einbrachten“, so sagte es einmal Bertolt Brecht in diesem etwas gequälten Reim. Eventuell dachte er dabei an Materielles, an Geschenke für Kinder, die zum Pfingstfest ja tatsächlich ausbleiben. Auch im Kirchenjahr nimmt die Pfingstzeit, verglichen mit den Weihnachts- und Oster-Festkreisen, einen recht geringen Zeitraum ein. Nach nur einer Woche wird die Pfingstzeit von Trinitatis, dem Dreieinigkeitsfest, abgelöst. Doch in geistlicher Hinsicht ist uns allen zu Pfingsten eine Gabe geschenkt, die nun wahrlich nicht die geringste ist. Die Gabe des Heiligen Geistes. Der Heilige Geist ist gekommen um zu bleiben, über den Tag und über die Pfingstwoche hinaus.
Was hat es mit diesem Heiligen Geist auf sich?
In der christlichen Kunst wird der Heilige Geist oft in Gestalt eines Vogels, nämlich als Taube dargestellt. Die Taube stand in der Antike für Reinheit und Liebe. Es ist auch ein biblisches Bild: Nach der Taufe Jesu im Jordan öffnet sich der Himmel und der Geist Gottes erscheint in der Gestalt einer Taube (Matthäus 3,16). In zahlreichen Darstellungen kommt der Heilige Geist als Taube, also als Vogel, auf dann geistbegabte Menschen hernieder. Man könnte also salopp sagen: Wer den Heiligen Geist empfangen hat, hat einen Vogel. Natürlich hat das bei uns zunächst einen negativen Klang, ist aber nicht so weit entfernt, von dem, was am ersten Pfingsten in Jerusalem manche über die Jüngerschar gesagt hatten: Sie sind voll süßen Weins – die sind besoffen. Wie das? Aus traurigen, verängstigten, zurückgezogenen Jüngern waren mutige, in die Öffentlichkeit hinaustretende Bekenner der Auferweckung Jesu geworden. Der Heilige Geist verändert Menschen, manchmal eben nicht zu knapp und für andere schwer nachvollziehbar. Das tut er bis heute. Und so geben Christinnen und Christen die Hoffnung auf eine bessere Welt nicht auf. Sie schauen hin und bringen sich ein, wo ihre Stimme wichtig und wo Hilfe notwendig ist, in der Nachbarschaft wie in der weiten Welt. Sie lassen nicht ab, für die Welt zu beten. Und soll jemand sagen, wir hätten einen Vogel, dann pfeifen wir drauf: „Der Geist von Gott weht wie der Wind“ (EG 556)

„Gruß aus der Marienkirche Reutlingen“, Mai 2021

von Manfred Häußler, ehrenamtlicher Mitarbeiter bei den „Orgel-Gedanken“


Rogate – Betet!

Der Name des letzten Sonntags und damit das Motto dieser Tage hat Aufforderungscharakter. Rogate – Betet! Ja, müssen wir denn zum Beten aufgefordert werden? Brauchen wir Christenmenschen tatsächlich diesen Anstoß? Na los, betet!?

Manchmal geht es auch von selbst. Da können wir gar nicht anders. In der Bibel wird die Geschichte von der Stillung des Sturms auf dem See Genezareth erzählt. Die Jünger rudern mit dem schlafenden Jesus im Boot ans andere Ufer. Dann erhebt sich ein Sturm und das Wasser wird zu bedrohlich hohen Wellen aufgepeitscht. Die Jünger tun im Sturm das, was sie gut können; es sind ja Fischer darunter, rudern können die. Es ist gut und notwendig, dass sie ihr ganzes Können einsetzen, sonst würde das Boot über kurz oder lang kentern. Aber diesmal kommen sie an ihre Grenzen. Rudernd, was das Zeug hält, wenden sie sich an Jesus, genauer gesagt, sie schreien nach ihm: „Jesus, wach auf! Kümmert es dich denn gar nicht, dass wir alle sterben werden?!“ Sich an Jesus wenden, auch wenn es schreiend geschieht, das ist eine Form des Betens. Und so zeigen die Jünger damals im Boot, was auch wir heute tun können, wenn über uns die Wellen zusammenschlagen. Ganz bestimmt fallen Ihnen Lebensstürme ein, zurück liegende oder aktuelle. Auch in den stürmischen, düsteren und gefahrvollen Phasen unseres Lebens heißt es rudern, was das Zeug hält – wenn wir’s können – und um Hilfe rufen. „Herr, erbarme dich!“ Anders gesagt: Unsere Gaben tatkräftig einsetzen und unser Gebet nachdrücklich vor Gott bringen, am besten beides ineinander. Martin Luther sagte einmal: Man muss beten, als ob alles Arbeiten nichts nützt, und arbeiten, als ob alles Beten nichts nützt.

Zum Glück sind wir im Leben auch oft in ruhigen Gewässern unterwegs. Dann tut ein auffordernder Hinweis ganz gut, damit das Beten als wichtige Verbindung zu Gott nicht einschläft. Das Läuten der Glocken kann ein solcher Hinweis sein. Die Dauer des 6-Uhr-Läutens am Morgen z.B. reicht aus, um den 23. Psalm zu beten und so den Tag zu beginnen. Der Herr ist mein Hirte… Das Mittagsläuten um 12 Uhr ist eine Einladung zum Innehalten, hier in der Kirche bei Orgelmusik und Gedanken oder wo immer wir gerade sind und die Glocken hören.

Auch gute Gewohnheiten wie das Tischgebet oder ein Tagesabschluss sind kleine Aufforderungen zum Beten. In eigenen oder geliehenen Worten oder einfach im stillen Bedenken kann so viel zur Sprache kommen: Dank und Gotteslob, Bitte und Fürbitte, Klage und sogar Anklage. Die Lieder des Gesangbuchs sind dabei wie eine Schatzkiste. Dazu noch einmal Martin Luther: Wer singt, betet doppelt. Diesen schönen Satz hatte Luther bei Augustinus gelesen.

Und wo uns Worte fehlen oder wenn wir einfach still sein möchten, kann sich dennoch Gebet ereignen. Das ruhige Da-Sein vor Gott ist eine besonders schöne Form des Betens. Teresa von Avila, die auch eine Lehrerin des Gebets ist, schreibt: Beten ist Verweilen bei einem Freund, mit dem wir oft allein zusammenkommen, einfach um bei ihm zu sein, weil wir sicher wissen, dass er uns liebt.

Rogate – Betet! Beten als Notschrei, regelmäßiges Beten im Tageslauf, Beten als schlichtes Da-Sein vor Gott – das sind drei Aspekte des Betens. Beten hat viele Seiten, aber für heute lassen wir es bei diesen drei Aspekten bewenden …

„Gruß aus der Marienkirche Reutlingen“, April 2021

von Manfred Häußler, ehrenamtlicher Mitarbeiter bei den „Orgel-Gedanken“


Die Sonntage vor und nach Ostern tragen besondere Namen und geben den entsprechenden Wochen ein Thema. Am 18. April war der Sonntag Misericordias Domini – die Barmherzigkeit des Herrn. Dieser Name ist eine Gelegenheit, an die Jahreslosung für das Jahr 2021 zu denken. Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist! (Lk 6,36) Wir können uns erinnern, dass wir mit dem ganz ähnlich klingenden Wort warm-herzig dem Begriff barmherzig schon recht nahekommen.

Misericordias Domini ist eine lateinische Bezeichnung der Barmherzigkeit Gottes. Übersetzungen in der Lutherbibel sprechen auch von der Güte des Herrn. Güte, Barmherzigkeit – diese Begriffe benennen eine innere Haltung. Aber da ist noch mehr. Aus dem Wort Misericordias lässt sich heraushören: miseriis cor dare, das heißt: den Erbärmlichen, den Elenden das Herz schenken. Den Bedürftigen das Herz schenken. Das weist auf ein aktives Handeln hin. Die Jahreslosung Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist! hört sich dann im Sinne der Misericordias so an: Schenkt euer Herz den Bedürftigen, wie auch euer Vater den Bedürftigen sein Herz schenkt.

Es wird Zeit, dies einen Schritt konkreter zu denken. Dazu gibt der Wochenspruch aus dem Johannesevangelium Hinweise. Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben. (Joh 10, 11a. 27-28a)

Unweit der Schwäbischen Alb lebend, können wir mit dem Bild eines guten Hirten mit seiner Schafherde vermutlich etwas anfangen. Was tut denn ein guter Hirte für seine Schafe? Er geht ihnen voran, weil er Wege und Ziel kennt, grüne Auen und Wasserstellen. Er spricht mit den Schafen und kann mit seiner Stimme beruhigend auf sie einwirken. Er bleibt bei ihnen und hat ein wohlwollendes Auge auf sie. Erkennt er einen unrunden Gang bei einem Tier, schneidet er die Klauen oder beseitigt eingetretene Dornen; dazu packt er auch schon mal recht robust zu. Er schützt die Herde vor Bedrohungen, auch wenn er dafür selbst ein Risiko eingehen muss. Entfernt sich ein Tier von der Herde, gibt ein guter Hirte es nicht einfach auf, weil er ja noch genug andere hat. Er geht ihm nach und bringt es zurück, wenn es anders nicht geht, dann auf seiner Schulter. Ohne die stetige Fürsorge des Hirten ist die Herde schnell zerstreut und die Schafe sind in Gefahr. Der gute Hirte weiß um die Bedürftigkeit seiner Schafe. Er hat ein Herz für sie und widmet ihnen seine Zeit.

So jedenfalls waren die Haltung und das Handeln Jesu, wie dies uns die Evangelisten in vielen Geschichten und Erzählungen nahebringen. Jesus Christus ist in besonderer Weise dieser gute Hirte, der den Bedürftigen sein Herz schenkt, mit aller Konsequenz, bis in den Tod hinein und durch ihn hindurch: … und ich gebe ihnen das ewige Leben.

Dies noch konkreter in unsere Leben hinein zu denken, fällt mir schwer. Ich kann nicht wissen, wo in Ihrem Lebensumfeld ein Vorangehen vonnöten ist, wo ein beruhigender Zuspruch, wo ein robustes Zupacken, wo ein geduldiges Nachgehen. Ich kann nicht wissen, ob und in welcher Weise Sie selbst des einen oder anderen bedürfen. Da sind im Umgang miteinander Aufmerksamkeit und Phantasie jedes Einzelnen gefragt. Aufmerksamkeit und Phantasie, das sind geheimnisvolle Motoren aus Verstand und Herz.

Ich wünsche uns allen, dass wir diese Antriebe aus dem Dank für die Misericordias Domini heraus füreinander zum Laufen bringen.

„Gruß aus der Marienkirche Reutlingen“, April 2021

von Manfred Häußler, ehrenamtlicher Mitarbeiter bei den „Orgel-Gedanken“


Da wir in der Osterzeit sind, möchte ich heute an das Osterlachen erinnern. Ja, ich möchte mich sogar ausdrücklich für das Osterlachen aussprechen. Im Spätmittelalter war in den Ostergottesdiensten schallendes Gelächter durchaus üblich. Pfarrer ahmten Tierlaute nach, schnitten Grimassen oder brachten die Gemeinde mit Witzen zum Lachen. Risus paschalis – das Ostergelächter – nennt die Liturgie diesen etwas skurril anmutenden Brauch.

Das ist schon erstaunlich: Damals, in einer Zeit, in der das normale Volk nicht selten unter der Knute von weltlichen Herren und von Kirchenfürsten lebte; in einer Zeit, in der die Pest und zahlreiche Kriege wüteten; in einer Zeit, in der einfache Menschen sich oft ohnmächtig wie ein Spielball der Geschichte vorkamen – da gibt es diese eine Nacht, die Osternacht, in der alle über die Mächtigen der Welt und sogar über den Tod aus voller Kehle herzlich lachen.

Wir heute und hier Lebenden haben es ungleich besser. Obwohl nicht alles bestens ist, geht es uns so gut wie noch keiner Generation vor uns. Aber, wenn ich das sage, geht es Ihnen vielleicht auch so wie mir: der lange Schatten von Corona fällt über solche Sätze. Vor einem Jahr fielen die Ostergottesdienste und die Orgelgedanken wegen des totalen Lockdowns aus. Jetzt, ein Jahr danach, sind wir noch immer im Würgegriff dieses Virus’ und leben mit drastischen Einschränkungen, wenn auch aus nachvollziehbar guten Gründen. Ein ganzes Jahr und noch viel mehr … Da kann einem das Lachen schon mal im Halse stecken bleiben. Was da stecken bleibt, ist aber vielleicht nur der unzulängliche Versuch, die Situation wegzulächeln.

Das Osterlachen ist etwas ganz anderes.

Für unsere spätmittelalterlichen Geschwister hatte das Osterlachen einen tiefen, einen theologischen Grund. Im Lachen feierten sie den Glauben an ihren Gott. Im Lachen lobten sie Gott, der mitten im Irrsinn ihrer Welt das Heft in der Hand hat. Im Lachen lachten sie den allgegenwärtigen Tod aus, der mit der Auferweckung Jesu Christi seine Macht endgültig verloren hat. An Ostern, o Tod, war das Weltgericht. Wir lachen dir frei ins Angesicht. Wir lachen dich an, du bedrohst uns nicht. (Strophe 3 des Liedes Nr. 219 in: Wo wir Dich loben, wachsen neue Lieder – plus). Seit Ostern gibt es keine hoffnungslosen Situationen und keine hoffnungslosen Fälle mehr. Deshalb kann der Oster-Glaube Kraft und Grund verleihen zu einem Feier-Lachen, einem Lobes-Lachen, einem Tod-Auslachen, das nicht im Halse stecken bleibt.

Es ist ein befreites und ein befreiendes Lachen. Es befreit von der Sorge um sich selbst. Es befreit zum helfenden Hinwenden zu anderen, denn eines ist ja hoffentlich klar: gemeinsam lachen und einander beistehen, das gehört zusammen. In unserem Evangelischen Gesangbuch (S. 455) steht ein Zitat von Eberhard Jüngel, das den Zusammenhang zwischen dem Heilshandeln Gottes, das seinen Höhepunkt im Ostergeschehen hat, und unseren menschlichen Möglichkeiten verdeutlicht: Wo erfahren wird, dass Gott für das Heil der Welt alles getan hat, da kann man für das Wohl des Menschen gar nicht genug tun. Wo erfahren wird, dass Gott für das Heil der Welt alles getan hat – das ist der Grund zum Lachen –, da kann man für das Wohl des Menschen gar nicht genug tun – das ist die Motivation zum Handeln.

Am Schluss zurück zum Anfang und zum Osterlachen. Lassen Sie sich ruhig mal durch einen Witz zum Lachen bringen: Ein Gespräch am Gartenzaun irgendwo im Schwäbischen: „I bin jetzt au scho über neunzig. I muaß bald ans Schterba denka. Aber des isch net so arg. Des werd i au no überleba.“

„Gruß aus der Marienkirche Reutlingen“, April 2021

von Judith Jünger, ehrenamtliche Mitarbeiterin bei den „Orgel-Gedanken“

 

„Wie geht es Dir? Wie geht es Euch?“ Das werden wir in diesen Zeiten oft gefragt – auch beim kurzen Gespräch auf der Straße mit Nachbarn oder zufälligen Begegnungen mit Freundinnen und Bekannten, die man lang nicht mehr gesehen hat.

Meine Antwort lautet oft: „Gut. Den Umständen entsprechend. Wir schlagen uns wacker.“

Wir schlagen uns wacker – über diesen Nachsatz habe ich nachgedacht – klingt sehr kämpferisch, fast militärisch.

Was könnte ich sonst noch antworten auf die Frage „Wie geht’s“? Und woher schöpfe ich eigentlich die Kraft, um mich wacker zu schlagen?

Im Alltag, den ich seit Monaten im Homeoffice verbringe, wo ich meine Kolleginnen und Kollegen nur am Bildschirm sehe, während ich in meinem Schlafzimmer am Schreibtisch sitze, suche ich gezielt nach Momenten, die meiner Seele gut tun.

Dazu gehören Begegnungen von Angesicht zu Angesicht: Spaziergänge mit einer Freundin, der Plausch mit den Nachbarn, das Geburtstagsständchen an der Wohnungstür.

Was ich auch viel mehr genieße, ist die körperliche, sinnliche Wahrnehmung von Raum, von Architektur. Ich komme mittlerweile fast jeden Samstag zu den Orgelgedanken, weil ich das Liveerlebnis von Musik, von Verbundenheit mit Ihnen allen, von Raum und Licht richtig in mich aufsauge.

Neben dem intensiven Erleben von Begegnung und Raum ist der Blick zum Engel ein dritter Ankerpunkt für mich in diesen bewegten Corona-Zeiten.

Der Blick zum Engel? Ja, der Engel auf dem Turm der Marienkirche.

Wenn ich am Samstag zum Markt gehe und die Wilhelmstraße runterlaufe, leuchtet die goldene Figur mir entgegen und mein Blick wandert automatisch nach oben.

Mittlerweile ist das meine persönliche Challenge geworden: Von wo aus kann ich den Engel sehen? Auf meinem Handy finden sich viele Bilder aus den unterschiedlichsten Perspektiven. Da sind nicht nur schöne Postkartenmotive dabei. Manchmal ist er nur ganz klein zu sehen, manchmal taucht er über einer grauen Fassade oder zwischen schmuddeligen Ecken auf. Neulich habe ich den Engel sogar doppelt gesehen - wie ein Vexierbild - in einer Spiegelung im Alberhaus, in einem Fenster des Querbaus.

Der Engel lässt mich nicht mehr los. Und meine Suche nach ihm hat mir in den letzten Monaten viele freudige Überraschungsmomente bereitet. Festgehalten auf meinem Handy. Und in meinem Herzen.

„Wie geht’s?“

„Gut!“

„Und sonst?“

„Ich halte nach dem Engel Ausschau.“

„Gruß aus der Marienkirche Reutlingen“, März 2021

von Manfred Häußler, ehrenamtlicher Mitarbeiter bei den „Orgel-Gedanken“

Jetzt im März, um den Frühlingsanfang herum, kann das schon mal vorkommen: Sie möchten jemanden besuchen, gehen auf die Haustür zu und entdecken das kleine Schild – Bin im Garten. Wie schön, ein Gespräch im Garten beim Herumgehen zwischen Märzenbechern, Krokussen und Traubenhyazinthen! Vielleicht auch schon gemütlich bei einer Tasse Tee auf einer Gartenbank.

Bin im Garten – dieser Hinweis hilft nicht nur beim Besuch der Nachbarin oder des Nachbarn, er hilft auch bei der Suche nach Gott. In biblischen Geschichten ist Gott oft im Garten zu finden. Nach einer der beiden biblischen Schöpfungserzählungen beginnt die Geschichte Gottes mit den Menschen sogar in einem Garten, dem Garten Eden. Ein Paradies ist dieser Garten, größer und vielfältiger als das beste Gartencenter. Geh aus, mein Herz, und suche Freud… Der Garten Eden ist so groß, dass Gott die Menschen eines Tages darin suchen muss. „Adam, wo bist Du? Mensch, wo bist Du?“ „Bin im Garten, ja“ – aber dann ergibt sich inmitten von Märzenbechern, Krokussen und Traubenhyazinthen alles andere als ein angenehmes Gespräch. Die Einzelheiten möchte ich uns heute ersparen (nachzulesen in Gen 3). Am Ende jedenfalls, so erzählt es die biblische Geschichte, müssen die Menschen vom Garten Eden in den Garten Erde umziehen. Jenseits von Eden ist manches weiterhin erstaunlich paradiesisch, aber zu leben, zusammenzuleben und sich zu versorgen ist hier erheblich mühsamer. Wir merken es beinahe täglich. Jenseits von Eden, das ist der Ort, an dem wir alle heute leben. Reutlingen liegt jenseits von Eden.

Auch dies gehört zum März: Wir sind in der Passionszeit und bedenken die Leidensgeschichte Jesu. In diesem Jesus, dem Christus, geht Gott uns Menschen nach. Er begleitet uns, mehr oder weniger unauffällig, und gibt uns Hinweise, wo wir ihn finden können.

Bin im Garten, höre ich ihn sagen, diesmal im Garten Gethsemane. Der Name leitet sich vom hebräischen Begriff Gath-Schmanim ab (Garten der Ölpressen). Es war also wohl kein Blumengarten mit Märzenbechern, Krokussen und Traubenhyazinthen, sondern ein Garten mit knorrigen Olivenbäumen. In Israel gelten diese bis heute als Bäume des Lebens und der Hoffnung. Genau hier kämpft sich Jesus im Gebet durch die eigene Verzweiflung hindurch zur Annahme seines Leidensweges. Um der Liebe willen bleibt er sich treu und stirbt am nächsten Tag so, wie er gelebt hat: anderen zugewandt und für andere sich hingebend. Gibt es einen Garten mit einem größeren Geheimnis als den Garten Gethsemane?!

Ja, den gibt es. Es ist der Friedhofsgarten am allerersten Ostermorgen. Bin im Garten, nicht im Grab. „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“ (Lk 24,5) Der Sieg des Lebens über den Tod ereignet sich in einem Garten. Maria Magdalena hält den auferstandenen Christus zunächst für den Gärtner. Wer will es ihr verdenken?! In einem kurzen Gespräch mit ihm erkennt sie schließlich Jesus und wird zur ersten Zeugin der Auferstehung. Ich möchte mir dieses Gespräch gerne vorstellen inmitten von Märzenbechern, Krokussen und Traubenhyazinthen. Diese Frühblüher im Garten sind mir jedes Jahr neu ein Zeichen des geheimnisvollen Oster-Geschehens, ein Zeichen ganz neuen Lebens. Auch schon jetzt, in der Passionszeit.

Mach in mir deinem Geiste Raum,
dass ich dir werd ein guter Baum,
und lass mich Wurzel treiben.

Verleihe, dass zu deinem Ruhm
ich deines Gartens schöne Blum
und Pflanze möge bleiben,
und Pflanze möge bleiben.

(Paul Gerhardt, EG 503,14)

„Gruß aus der Marienkirche Reutlingen“, Februar 2021

Mit dem Aschermittwoch hat die Passionszeit begonnen die sieben Wochen vor dem Osterfest. Thema der Passionszeit ist die Erinnerung an das Leiden und Sterben Jesu Christi, das mit der Auferstehung am Ostermorgen ein heilsames Ende und sein heilbringendes Ziel findet. Früher begingen die Christenmenschen diese Wochen als Fastenzeit, als eine Zeit des Verzichts. Der Gedanke eines bewussten Verzichts in der Passionszeit setzt sich in unserer Zeit fort in der Aktion „7 Wochen ohne“. Viele Menschen verzichten in diesen sieben Wochen zwischen Aschermittwoch und der Osternacht bewusst auf irgendetwas „Gewohntes“, vielleicht sogar Süchtig-Machendes – auf beispielsweise Schokolade, Alkohol, Fleischkonsum, fleißige Social-Media-Nutzung. Für jede und jeden mag es etwas anderes sein, das hier in den Blick kommen kann, und ich nehme an, Sie wissen ziemlich genau, was Ihr Ding wäre. Die damit provozierte und hinterher mitunter tatsächlich gemachte Erfahrung ist: „Erstaunlich! Es geht tatsächlich auch ohne …“ Mir jedenfalls tut es gut, auf Schokolade und Chips zu verzichten. Ein Schaden wird mir nicht entstehen, ganz im Gegenteil.

Manches, von dem wir glauben, dass es ganz furchtbar wichtig für uns ist, und dass es unbedingt sein muss, und dass es ohne überhaupt nicht geht, hält der Prüfung, ob das tatsächlich so ist, nicht stand. Der Mensch braucht letztlich nur wenig, um glücklich zu sein, und viel Geld und Besitz müssen da eher nicht die wichtigste Rolle spielen.

Was brauchen wir wirklich? Das hinter uns liegende Corona-Jahr hat uns an manche Grenzen geführt und schmerzliche Erfahrungen zugemutet. Jede und jeder von uns kann davon ein Lied singen. Wir mussten vieles Gewohnte loslassen und uns auf Rahmenbedingungen einlassen, die als Zumutung empfunden wurden, auf Situationen, die unvorstellbar schienen. Gemeinschaft, Berührungen, Umarmungen, Nähe, Singen im großen Chor, Feiern mit Freundinnen und Freunden – auf das alles und auf noch viel mehr mussten wir während der Pandemiewellen zur Vermeidung von Ansteckung verzichten.

Was uns wohl dieses Jahr in den kommenden Wochen, die auf das Osterfest zulaufen, zugemutet wird? Ich erinnere mich an den ersten Lockdown über Ostern 2020, an die Zeit ohne Präsenzgottesdienste.

Auch wenn ein Ende der Pandemie noch nicht absehbar ist, bin ich doch zuversichtlich, dass wir als Einzelne und als Gemeinde die Herausforderungen jeder Zeit bewältigen werden, im Glauben an Gottes Güte und Barmherzigkeit, im festen Vertrauen auf die Gegenwart seines Heiligen Geistes und sein Mitgehen an allen Tagen unseres Lebens.

So sind wir wieder einmal mit Gottvertrauen aufgebrochen: hinein in die Passionszeit, durch das Dunkel hindurch, in Richtung der aufgehenden Morgensonne. Gott wird an unserer Seite sein. Wir üben das Loslassen, lassen uns herausfordern, erfahren Wegbegleitung und Beistand.

Das jedenfalls wünsche ich Ihnen – und mir!

Ihr Pfarrer Sven Gallas

„Gruß aus der Marienkirche Reutlingen“, 02. Februar 2021

von Manfred Häußler, ehrenamtlicher Mitarbeiter bei den „Orgel-Gedanken“

„Tragt in die Welt nun ein Licht“

Sanglos, aber immerhin durch das schöne Orgelspiel nicht klanglos endet heute, mit dem 2. Februar, der Weihnachtsfestkreis. 40 Tage nach Heiligabend geht eine Zeit voller Bewegung und Begegnung zu Ende. – Wie bitte? Die letzten Wochen waren doch eher von Ausgangsbeschränkungen und Kontaktvermeidungen gekennzeichnet. Von wegen Bewegung und Begegnung …

Doch: die biblischen Erzählungen des Weihnachtsfestkreises sind voll von Bewegung und Begegnung. Vom römischen Kaiser zur Volkszählung gezwungen, machte sich jedermann auf, „dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt“. Maria und Josef zogen von Nazareth in Galiläa nach Bethlehem in Judäa. Mit der Geburt Jesu kam sogar der Himmel in Bewegung. Vom Himmel hoch kam der Engel zu den Hirten, um ihnen Freude über Freude zu verkünden, „die allem Volk widerfahren soll“. Nachdem die Hirten Jesus begegnet waren, setzten sie sich wieder in Bewegung, um auszubreiten, was sie gehört und gesehen hatten. „Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage. Rühmet, was heute der Höchste getan“, möchte man ihnen in den Mund legen. Und dann sind da noch die heidnischen Magier aus Babylonien. Durch eine außergewöhnliche Sternkonstellation gerieten sie in Bewegung, fanden das Jesuskind und beteten es als neugeborenen König an. Und nun, 40 Tage nach der Geburt Jesu, noch einmal Bewegung: Maria und Josef bringen nach einer Vorschrift der Thora ihren Neugeborenen in den Tempel, wo sie Simeon und Hanna begegnen. Damals durfte im Gotteshaus laut gesungen werden und so stimmt Simeon einen Lobgesang an: „Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel.“ (Lk 2, 29-32)

Als das Licht der Welt wird Jesus gepriesen. Diese Lichtsymbolik führte dazu, dass der 2. Februar auch als Lichtmess bezeichnet wird. Traditionell wurden an diesem Tag die Kerzen gesegnet, die im ganzen Jahr gebraucht wurden. Deshalb fanden Wachsmärkte, anders gesagt, Licht-Messen statt. Für mich ist das ein schöner Gedanke: Von Weihnachten her soll das Licht in die Welt und in die Zeit hineinleuchten. Mein Vorschlag: Lassen wir uns doch bewegen, das Licht von Weihnachten, die Botschaft von der Gegenwart Gottes, in die nächste Zeit und in unsere Welt hinein zu tragen. Tragt in die Welt nun ein Licht, sagt allen: Fürchtet Euch nicht! Gott hat Euch lieb, Groß und Klein! Seht auf des Lichtes Schein! – so fordert uns ein Lied auf. Weitere Strophen beginnen mit: Tragt zu den Alten ein Licht…, Tragt zu den Kranken ein Licht…, Tragt zu den Kindern ein Licht… Das kann ganz buchstäblich geschehen, indem wir einem Menschen eine Kerze an die Tür bringen oder ein anderes kleines Geschenk. Aber auch, indem wir einem Menschen übers Telefon begegnen. Da ist sogar das Singen möglich und erlaubt. Für jemanden einen Einkauf erledigen, trägt Licht in die Welt und auch, andere in der Fürbitte in Gottes Licht zu stellen.
So sind Bewegung und Begegnung auf vielfältige Weise möglich, trotz allem.

„Gruß aus der Marienkirche Reutlingen“, Januar 2021

von Manfred Häußler, ehrenamtlicher Mitarbeiter bei den „Orgel-Gedanken“


Vertrauen im NEBEL – LEBEN im Vertrauen

Da, wo ich herkomme, in Friedrichshafen am Bodensee, können diese Januartage sehr neblig sein. Die dicke, weißgraue Nebelsuppe hält sich oft den ganzen Tag über. Weil ich mich dort auskenne, ist das aber nicht weiter schlimm. Ich kenne die Wege und weiß, wo ich lang gehen muss, um mein Ziel zu erreichen. In unbekanntem Gelände ist das schon etwas anders. Wenn da der Weitblick vernebelt ist, werde ich unsicher. Wohin muss ich an  der nächsten Wegkreuzung abbiegen? Bin ich noch auf dem richtigen Weg? Werde ich dort ankommen, wo ich hin wollte? „Seltsam im Nebel zu wandern…“ (Hermann Hesse)

Das neue Jahr ist noch keine zwei Wochen alt. Der Gang hinein in das Jahr 2021 erscheint mir teilweise wie eine Wanderung im Nebel. Natürlich, manches ist klar: Der Ostersonntag ist der 4. April, am 11. Juni beginnt die verschobene Fußball-Europameisterschaft, am 26. September ist Bundestagswahl. Jeder kennt seinen Geburtstag und die Geburtstage seiner Lieben. Das alles wissen wir – und sollten wir es zwischenzeitlich vergessen, erinnert uns ein Hinweis im Kalender daran. Doch das meiste ist unklar: Bleiben oder werden wir gesund? Wohin können wir in diesem Jahr reisen? Werden die Böden ausreichend Niederschläge erhalten? Gibt es bald wieder Gottesdienste mit mehr Besuchern und mit Gemeindegesang? Aus der Erfahrung vergangener Jahre wissen wir, dass auch in diesem Jahr nicht alles glatt gehen wird. Neben Schönem und Gelungenem wird es Widerwärtiges und schwer Erträgliches geben. Im persönlichen Leben und im öffentlichen Bereich um uns herum. Wir wissen, dass wir das meiste von dem, was vor uns liegt, nicht wissen. „Seltsam im Nebel zu wandern…“ NEBEL, rückwärts gelesen, ergibt das Wort LEBEN. Seltsam, im Leben zu wandern. Wer weiß, ob Hermann Hesse, einige Zeit am Bodensee zuhause, dieses Wortspiel NEBEL – LEBEN in seiner Gedichtzeile nicht auch mitgedacht hat. Dennoch: Als Christenmenschen setzen wir unser Vertrauen darauf, dass Jesus Christus in allen Lebenslagen bei uns ist. Weil Vertrauen ein manchmal schwer zu buchstabierendes ABC ist, darf es zunächst auch nur der Wunsch danach sein, vertrauen zu können – der sehnliche Wunsch nach Vertrauen, der dann hoffentlich in neu gestärktes Vertrauen führt.

Den Weg vom Wunsch zur Gewissheit beschreibt folgender Liedtext (Hanns Köbler, EG 209):

Ich möcht', dass einer mit mir geht, der's Leben kennt, der mich versteht, der mich zu allen Zeiten kann geleiten. Ich möcht', dass einer mit mir geht.

Ich wart', dass einer mit mir geht, der auch im Schweren zu mir steht, der in den dunklen Stunden mir verbunden. Ich wart', dass einer mit mir geht.

Es heißt, dass einer mit mir geht, der's Leben kennt, der mich versteht, der mich zu allen Zeiten kann geleiten. Es heißt, dass einer mit mir geht.

Sie nennen ihn den Herren Christ, der durch den Tod gegangen ist; er will durch Leid und Freuden mich geleiten. Ich möcht', dass er auch mit mir geht.

„Gruß aus der Marienkirche Reutlingen“, November 2020

von Pfarrerin Sabine Großhennig


Das Vaterunser ist für mich eines der schönsten Gebete der Bibel. Das Matthäusevangelium überliefert es in seinem sechsten Kapitel. Ich mag dieses Gebet sehr, weil es so einfach ist und ohne Schnörkel und gleichzeitig so tiefsinnig, dass mir immer wieder etwas Neues daran auffällt. So war es vor einigen Jahren im Konfirmandenunterricht, als wir das Vaterunser in der Gebärdensprache, der Zeichensprache der Gehörlosen, gelernt haben.
Das Zeichen für „Vater“ zum Beispiel, gleicht der einer Umarmung. Das erinnert an das Gleichnis, das Jesus erzählt hat: Von dem Vater, der seinem auf Abwege geratenen, heruntergekommenen und wegen seiner Fehler beschämten Sohn entgegen läuft - und ihn mit offenen Armen willkommen heißt. Ohne Vorwürfe tut er das, aber voller Freude darüber, dass sein Kind den Weg nach Hause gefunden hat. So wie dieser Vater, sagt Jesus, ist Gott. Und wenn du zu ihm betest, dann sollst du wissen, dass du mit allem, wirklich mit allem zu ihm kommen kannst, mit dem, was dich freut, mit dem was dir Sorgen macht und auch mit dem, wofür du dich schämst. Gott wartet auf dich - mit offenen Armen.

Bei der Gebärde für „Himmel“ oder „Reich Gottes“ werden die offenen Arme nach oben, zum Himmel gehoben. Diese Geste erinnert daran, dass ich mich beim Beten nach oben, zu Gott hin, öffne. Beten ist ja kein Selbstgespräch. Und auch nicht nur eine Gelegenheit, Gott meine Bitten vorzutragen. Wenn ich bete, öffne ich mich für Gottes Wirklichkeit, die größer und weiter ist als meine eigene. Und da muss ich schon damit rechnen, dass diese Weite auch meinen Horizont verändert, mir sozusagen die Augen öffnet für etwas, das ich vorher nicht sehen konnte. Deshalb beten wir im Vaterunser: „Dein Reich komme“, Gott, und „dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.“ Und deshalb beten wir so gemeinsam.

Auch in dieser Hinsicht kann das Beten meinen Horizont erweitern. Darauf hat mich damals eine Konfirmandin aufmerksam gemacht. Durch die Gebärdensprache fiel ihr zum ersten Mal auf, wie oft das Wort „uns“ oder „unser“ im Vaterunser vorkommt. Wenn ich sage: „Unser Vater im Himmel“, dann erinnere ich mich daran, dass Gott nicht nur mich liebt, sondern ebenso meine Mitmenschen, auch die, die mir vielleicht gar nicht so nahestehen, sogar die, die ich nicht mag oder die mir egal sind. Deshalb beten wir, „unser tägliches Brot gib uns heute“, nicht: Hauptsache, ich habe was ich brauche. Und anstatt mit dem Finger auf andere zu zeigen, beten wir: „vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. Christinnen und Christen rund um diese Erde beten so - jeder in der eigenen Sprache und trotzdem gemeinsam. Und gemeinsam versuchen wir, uns Gottes Wirklichkeit und Liebe zu öffnen und - ein Teil von ihr zu werden.

Wie sagt meine frühere Mesnerin immer so schön am Telefon: Fühlen Sie sich in den Arm genommen! So soll es sein.

„Gruß aus der Marienkirche Reutlingen“, Oktober 2020

von Manfred Häußler, ehrenamtlicher Mitarbeiter bei den „Orgel-Gedanken“


Im Oktober finden in den Kirchengemeinden traditionell die Erntedank-Gottesdienste statt. Es ist die Zeit, wenn hierzulande der Großteil der Ernte eingebracht ist. Dabei ernten wir doch in unserer globalisierten Welt das ganze Jahr und essen die Feldfrüchte aus aller Damen und Herren Länder. Ernte-Dank, danken für die Ernte, sollte darum nicht nur ein punktueller Akt im Herbst sein; eher eine Haltung, wie sie im Wort Dankbarkeit zum Ausdruck kommt.

Martin Luther nannte Dankbarkeit „Die wesentliche christliche Haltung“. Damit spricht er aus, dass Dankbarkeit ein wesentliches Merkmal der Beziehung eines Christenmenschen mit Gott ist. Danken ist ein Beziehungswort. Wenn wir danken, dann danken wir jemandem. Einem vielleicht ganz unbekannten Menschen, der uns die Tür aufhält; einem Freund, mit dem wir vieles teilen können; der Partnerin, die uns liebt und erträgt. Auch im Ernte-Dank wenden wir uns einem Gegenüber zu. Wir sagen Danke denen, die mit ihrer Hände Arbeit eine Ernte ermöglichen und die Produkte für uns aufbereiten. Ernte-Dank richten wir aber natürlich auch und vor allem auf Gott, der seine Schöpfung so eingerichtet hat, dass sie hervorbringt, was wir zum Leben brauchen.

Indem wir Gott für die Ernte danken, erkennen wir an, dass wir bedürftig sind und nicht allein die Grundlagen unseres Lebens hervorbringen und erhalten können. Unsere Dankbarkeit ist eine Antwort auf das Vertrauen, das Gott in uns Menschen setzt. Er traut uns zu und mutet uns zu, die Erde zu bebauen und zu bewahren. (Gen 2,15)

Die Erde bebauen und bewahren – das ist wie ein Orgelstück zu vier Händen und vier Füßen: Gottes Hände und Füße und unsere Hände und Füße wirken zusammen. Es geht nicht ohne Gott. Es geht nicht ohne uns. Gott wird immer mitspielen: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (Gen 8,22) – Gott sei Dank für diese Zusage!

Und unser Part? Der Duden beschreibt eine Haltung, also auch die Dankbarkeit, als eine „innere [Grund]einstellung, die jemandes Denken und Handeln prägt“. Danken – denken – handeln. Das ist unser Part. Danken – denken – handeln. Mit Gottes Hilfe kann es uns dann gelingen, die Erde so zu bebauen, dass wir sie zugleich auch bewahren. Wie wichtig es ist, dass sowohl Gott als auch wir Menschen im Bebauen und Bewahren zusammenwirken, verdeutlicht folgender Witz:

Ums Erntedankfest herum besucht ein Pfarrer seine Bauern. Mit Stolz zeigt ihm einer seinen Betrieb mit den aufgeräumten Feldern, den gut gefüllten Scheunen und Ställen – und dann noch den nagelneuen Traktor. Der Pfarrer ist sehr angetan, gibt dem Bauern aber zu bedenken: „Vergiss nicht, wem du das alles zu verdanken hast! Gott hat bei allem seine Finger im Spiel.“ „Ja, ja, das weiß ich schon“, antwortet der Bauer, „aber, Herr Pfarrer, Sie hätten sehen sollen, wie heruntergekommen der Hof war, als Gott ihn noch allein bewirtschaftet hat.

„Gruß aus der Marienkirche Reutlingen“, September 2020

von Manfred Häußler, ehrenamtlicher Mitarbeiter bei den „Orgel-Gedanken“


Das gehört zu den wichtigen Merkmalen einer evangelischen Kirche: die aufgeschlagene Bibel auf dem Altar. Zwar ist der Glaube der Christen kein Buch-Glaube, sondern ein personhaftes Vertrauen, wie es im Apostolischen Glaubensbekenntnis deutlich wird. Dennoch kann der Umgang mit der Bibel der Beziehung zu einem vertrauten Menschen ähnlich sein.

Meine alte Bibel begleitet mich schon jahrzehntelang. Nach so vielen Jahren kenne ich sie zwar noch immer nicht ganz – das ist wohl nie zu erreichen –, aber ich weiß doch eine ganze Menge über sie. Mit Worten von Egbert Ballhorn kann ich sie beschreiben wie eine mir gut vertraute Person:

Manchmal schweigt sie tagelang
und plötzlich kommt ein Satz, der mich trifft.
Hat sie dabei zu mir hingeschaut?
Wie oft setzt sie ihren eigenen Kopf durch!
Sie ist so eigensinnig, aber voller Charme.
Wenn sie lacht, steht die Zeit still.
Und wenn sie weint, zerreißt es mir das Herz.
Aber sie kann auch trösten, mit einer feinen Geste, mit wenigen Worten.

Sie hat ein Gesicht, das man so schnell nicht vergisst.
Die vielen Falten erzählen ihre Geschichte.
Mag sie auch alt sein, sie denkt modern.
Sie hat keine Lust, sich beeinflussen zu lassen.
Sie kennt Gott und die Welt.
Wie ein Wasserfall kann sie reden.
Nicht immer mag ich zuhören.
Manchmal will sie nur, dass ich bei ihr bleibe.
Dann brauche ich viel Geduld und Zeit.
Besonders, wenn sie nur in der Vergangenheit kramt.
Aber sie hat auch Geduld mit mir - und immer Zeit.

Mein ganzes Leben kennen wir uns schon.
Doch wenn sie zornig wird, dann möchte ich nicht schuld sein.
In diesem Zornesregen stehen.
Und gerade dafür liebe ich sie: dass sie so verletzlich ist, empfindlich für alles Leid der Welt.
Und dass sie diesen unerschütterlichen Gerechtigkeitssinn hat.
Selten antwortet sie, wenn ich sie frage.
Das irritiert mich oft.
Aber irgendwie schafft sie es immer, auf das zurückzukommen, was mir wichtig ist.
Sie ist eine ganz Besondere. (Egbert Ballhorn)

… meine alte Bibel.

„Gruß aus der Marienkirche Reutlingen“, Juli 2020

von Manfred Häußler, ehrenamtlicher Mitarbeiter bei den „Orgel-Gedanken“


Sommerzeit ist Ferienzeit. Für viele ist ein Standortwechsel angesagt. Weil der Himmel, an dem sonst die Flugzeuge fliegen, fast leer ist, sind die Autobahnen diesen Sommer noch voller. Nach den Beschränkungen der letzten Monate sehnen sich viele Menschen nach einem anderen Ort, um das gewohnte Zuhause einmal hinter sich zu lassen.

Im Markusevangelium (6,31) gibt es einen Satz, der fast wie ein Urlaubs-Tipp klingt: Geht ihr allein an eine einsame Stätte und ruht ein wenig. Jesus sagt dies zu seinen Jüngern. Er hatte sie zuvor ausgesandt, damit sie das Evangelium verkünden und in Wort und Tat für die Menschen da sein sollten. So hatte er es ihnen vorgelebt. Nun waren sie zurückgekehrt und erzählten, was sie getan und gelehrt hatten. Die Jünger müssen wohl sehr erschöpft gewesen sein. Als Begründung berichtet Markus: Denn es waren viele, die kamen und gingen, und sie hatten nicht Zeit genug zum Essen.

Geht ihr – allein – an eine einsame Stätte – und ruht ein wenig. Wie hören wir diesen Satz? Wir sind in einer anderen Situation als die Jünger. Vielleicht hören wir ihn in Corona-Zeiten so: Achtet auf physical distancing und kommt mal wieder runter.

Wovon herunter eigentlich? Vom hohen Ross, von hohen Ansprüchen, von steilen Zielen oder vom rasant getakteten Alltag? Bei den genannten Beispielen ist es gewiss angebracht: mal ruhen – herunterkommen – entschleunigen. Solche Begriffe hören wir oft, wünschen uns auch, dass es eintritt und kriegen es dann doch oft nicht hin. Das mag teilweise daran liegen, dass wir das aktive Leben und das Arbeiten höher einschätzen als alles andere. Von Martin Luther ist der Satz überliefert: Man kann Gott nicht allein mit Arbeit dienen, sondern auch mit Feiern und Ruhen.

Ruht ein wenig, das kann freilich auch heißen, weiterhin aktiv zu sein, aber eben anders als bisher. In aller Ruhe etwas zu essen – die Jünger hatten dafür nicht genug Zeit gehabt, wie Markus schreibt. Ein Theologie-Professor ermahnte einmal seine Studierenden, darauf zu achten, dass wenigstens einmal am Tag die Nahrungsaufnahme den Charakter eines Mahles habe. Ein schön gedeckter Tisch, das Essen ansprechend hergerichtet, vielleicht ein Moment des Innehaltens, ein kurzes Tischgebet, und eine Weile Zeit, wo möglich eine lange Weile. Sich Zeit lassen, die lange Weile zulassen, in aller Ruhe tun, was zu tun ist, das könnte eine Regel für das Arbeiten und erst recht für die Ferienzeit sein. Sogar, wenn die Ferien ein Aktivurlaub sind.

Eigentlich fahre ich ganz gerne Rad. Doch dieses Jahr habe ich die Vorteile des Gehens und Wanderns wiederentdeckt. Es ist langsamer und es kommt mir ruhiger vor. Ich nehme mehr um mich herum wahr, auch die unscheinbaren Schönheiten am Weg. Es braucht natürlich eine Weile länger, eine bestimmte Strecke zurückzulegen, aber es macht mich zufriedener, dankbarer. Leichter als beim Radfahren kommen und gehen die Gedanken bei mir in der Langsamkeit und der langen Weile des Gehens. Und manche kann ich in aller Ruhe zu einem Gebet werden lassen.

Geht ihr allein an eine einsame Stätte und ruht ein wenig. –
In diesem Sinne – und nur in diesem – wünsche ich uns allen eine lang-weilige Ferienzeit!

„Gruß aus der Marienkirche Reutlingen“, Juli 2020

von Manfred Häußler, ehrenamtlicher Mitarbeiter bei den „Orgel-Gedanken“

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Der Weg ist das Ziel.

Egal, wo’s langgeht, wenn’s nur nicht so lang geht. Wir machen den Weg frei!

Wer nicht weiß, wohin er will, braucht sich nicht zu wundern, wenn er keinen Weg findet.

Sinn-Sprüche zum Thema Wege gehen gibt es genug. Das mag daran liegen, dass sich unser Leben zu wesentlichen Teilen auf Wegen ereignet. Unser Leben ist buchstäblich Be-Weg-ung. Manche Wege sind verpflichtend, wie der mindestens neunjährige Schulweg, andere dringend empfohlen, wie der Fußgängerüberweg an einer belebten Straße. Einige wählen wir selbst und gehen sie freiwillig, wie den Kirchgang oder die Fahrradtour. Beim Unterwegs-Sein in einer schönen Landschaft mögen wir den Weg tatsächlich schon als ein lohnendes Ziel empfinden. In der beruflichen Laufbahn – auch dies ein Weg – mag es so sein, dass uns das eigene Wollen vorangebracht hat oder andere den Weg vor uns frei gemacht haben. Wie auch immer, wir machen auf unseren Wegen Er-Fahr-ungen, die in den genannten Sinnsprüchen verdichtet sind. Auf unseren Wegen gelingt uns manches, mal mehr, mal weniger, aber wir scheitern auch. Manchmal fühlen wir uns ausweglos oder verspüren Ungeduld. Zum Glück gibt es Lebensabschnitte der Leichtigkeit und der Schönheit.

Christen deuten ihr Leben als einen Glaubensweg. Sie sind unterwegs im Vertrauen auf Gottes Gegenwart. Als Wegweiser haben sie Texte, die dieses Vertrauen immer wieder neu zu stärken in der Lage sind, wie z.B. das Psalmlied Paul Gerhardts (EG 361): Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.

Über eine Wegweisung hinaus geht das Jesus-Wort aus dem Johannes-Evangelium (Joh 14,6): Ich bin der Weg … und das heißt: Ich bin Euer Ausweg, Weg und Ziel in einem, ich bin Eure Gottesbegegnung, der Sinn Eures Lebens. Sinn und Weg gehören durch ihre Wortherkunft eng zusammen. Das althochdeutsche Wort sinnan bedeutet reisen, streben, gehen. Sinn in seiner ursprünglichen Wortbedeutung steht also für Reise, für Weg – man könnte auch sagen: für Erfahrung. Ein ganz unumgänglicher Weg unseres Lebens ist freilich keine Erfahrung mehr, sondern ein Widerfahrnis – der sogenannte ’letzte Gang’.

Ich bin der Weg, sagt Jesus, und das schließt seine Auferstehung mit ein. Sein Auferstehungsweg degradiert den sogenannten ’letzten Gang’ zum vorletzten und vermag allen unseren Wegen einen unvergleichlichen Glanz zu verleihen.

„Gruß aus der Marienkirche Reutlingen“, Juni 2020

von Pfarrerin Sabine Großhennig


Die größte und reichste Sammlung von Gebeten in der Bibel sind die Psalmen. Sie stecken voller Lebenserfahrung. Sie preisen die Wunder der Schöpfung und die Herrlichkeit Gottes, die in ihr zum Ausdruck kommt. Sie schimpfen über die Bosheit und Dummheit der Menschen, die einander bekriegen und gefährden. Sie bitten um Hilfe in schweren Zeiten und um Vergebung eigener Schuld. Sie erinnern an Erfahrungen von Trost und Hilfe. So spiegeln sie in einer ungeheuer bilderreichen Sprache eine Fülle von Lebenserfahrungen und die ganze Bandbreite menschlicher Gefühle: Zorn- und Rachegedanken ebenso wie Freude und Angst, Schuld und Glück. Nichts Menschliches ist ihnen fremd. Und so kann es geschehen, dass auch heute noch, zweieinhalbtausend Jahre später, Menschen sich mit ihren Gefühlen, Sorgen und Freuden in den Worten und Bildern der Psalmen wiedererkennen.

Natürlich gelingt das nicht immer. Manchmal sind die Lebensumstände, von denen da die Rede ist, so ganz anders als unsere. Und dann klingen die Worte fremd und fern. Immer wieder aber sprechen die Bilder der Psalmen einen trotzdem ganz direkt an. Mir geht das jedenfalls so, zum Beispiel mit dem 23. Psalm. „Der Herr ist mein Hirte“, so beginnt er in der Übersetzung Martin Luthers. Ich weiß zwar nicht genau, was ein Hirtenleben damals ausgemacht hat. Aber ich verstehe doch was gemeint ist und ich spüre den Trost und das Vertrauen, das aus diesen Worten spricht. So möchte ich Ihnen diesen Psalm heute vorlesen:
„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie diese Worte hören. Aber für mich strömt dieser Psalm eine solche Ruhe aus, eine ganz große Gelassenheit. Das tiefe Vertrauen auf Gott berührt und tröstet mich und ich bete die uralten Worte gerne mit. Ich bete den Psalm im Krankenhaus mit sterbenden Menschen und ihren Angehörigen, in der Kirche mit der Gemeinde, auch mit Konfirmanden, die ihn nicht zuletzt deshalb mögen, weil er so kurz ist. Oder ich bete ihn am Anfang eines neuen Tages, denn er gibt mir die Zuversicht, dass Gott auch an diesem Tag bei mir ist - und am Ende des Tages, um all das, was mich an ihm beschäftigt, beunruhigt und gefreut hat, in Gottes Hand zu legen.

Denn: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln …. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück. Denn du, Gott, bist bei mir.“

Gott behüte Sie!

„Gruß aus der Marienkirche Reutlingen“, Juni 2020

von Manfred Häußler, ehrenamtlicher Mitarbeiter bei den „Orgel-Gedanken“

„Ich baue eine große Kirche!“

Brütende Hitze lag über dem Weibermarkt. Die Stadt schien in einem Dämmerschlaf zu liegen. Einzig die hellen, gleichmäßigen Hammerschläge des Steinmetzen durchbrachen die mittägliche Stille. Immer wieder, im gleichen Rhythmus. Wochenlang arbeitete Siegfried nun schon an Steinblöcken für eine Fiale mit einer Kreuzblume. Noch war davon wenig zu sehen, zumindest für ein ungeübtes Auge wie das der Bäuerin Sieglinde. In den nächsten Tagen wird sie wieder vorbeikommen, um auf dem Markt ihre Feldfrüchte anzubieten. Dann wird sich jenes altbekannte Gespräch wiederholen: „He, Siegfried, hockst du noch immer vor deinen Steinen und meißelst!? Du klopfst und hämmerst – und wenig ist zu sehen. Wie lange dauert's denn noch? Dein Geklopfe führt doch zu nichts. Die Leute schütteln über dich den Kopf. Du wirst doch nie fertig! Hör auf!“ Und Siegfried antwortete jedes Mal: „Ich tue meine Arbeit und du tust deine. So leben wir beide von unserer Hände Arbeit.“ Aber es bohrte in ihm. Diese ständigen Bemerkungen, als sei seine schwere Arbeit ohne Wert. Für den nächsten Markttag war ihm eine neue Antwort eingefallen. Mit diesem Satz, der ihn schon heute schmunzeln ließ, wird er Sieglinde überraschen: „Ich behaue nicht einfach einen Stein – ich baue eine große Stadtkirche!“

Diese erfundene Geschichte verlege ich in das Jahr 1270, also in die Zeit vor 750 Jahren. Knapp 25 Jahre war an der Marienkirche schon gebaut worden und noch mehr als 70 Jahre sollte es bis zur Fertigstellung dauern. Zurzeit ist die Marienkirche ja wieder eine Baustelle. Eine Steinmetz-Firma arbeitet an der Instandsetzung, u.a. von 5 Fialen einschließlich einiger Kreuzblumen. Doch zurück zur Bäuerin Sieglinde und zu Siegfried. Sieglinde erntete, was sie gepflanzt hatte und brachte es alsbald zum Verkauf. Siegfried bearbeitete weiterhin seine Steinblöcke und hat die Fertigstellung der Marienkirche nicht erlebt.

Beide verkörpern Erfahrungen, die auch wir machen, im Beruf, im Ehrenamt oder ganz privat. Manchmal bringen wir eine Tätigkeit zeitnah und sichtbar zu einem Abschluss – und manchmal brauchen wir viel Geduld und überblicken das große Ganze gar nicht. Die Spannung zwischen beiden Erfahrungen spürt jede und jeder. Und jede und jeder empfindet das Bedürfnis, mit dem eigenen Tun zufrieden zu sein.

Vielleicht liegt der Schlüssel für die Zufriedenheit in dem Ratschlag, den uns der Schreiber des Kolosserbriefes gibt (Kol 3,17): […] alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.

Für mich heißt das: versuchen, bei allem, was ich tue, Jesus Christus dabei haben zu wollen; versuchen, so zu arbeiten, als arbeite ich in seinem Auftrag – und: dafür dankbar zu sein, in IHM einen Arbeitgeber zu haben, der im Scheitern und im Gelingen zu mir hält. Wo sich die Zufriedenheit über eine Tätigkeit einstellt, da ist es nicht unbescheiden zu sagen: Gott und ich haben das gut gemacht.

„Gruß aus der Marienkirche Reutlingen“, Juni 2020

von Manfred Häußler, ehrenamtlicher Mitarbeiter bei den „Orgel-Gedanken“


Ich hab’ ein Kind im Ohr!

Ich hab’ ein Kind im Ohr, das mir manchmal seltsame Dinge sagt: Pflücke doch mal wie früher einen Löwenzahn und puste die Fallschirmchen hoch in die Luft hinaus. – Bleib doch mal stehen und bück’ Dich und beobachte den Käfer eine Weile, der auf Deinem Spazierweg krabbelt. – Hol doch mal die Malstifte aus der Schublade und male ein Bild. – Warum singst Du nicht mal wieder Weißt Du, wieviel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt …?

Solche Sachen gehen mir von Zeit zu Zeit durch den Kopf – und manchmal werde ich dabei ein bisschen traurig. Dann denke ich: vielleicht zeigen mir diese Gedanken, dass in mir ein Kind lebt. Das Kind, das ich einmal war. Das Kind, das ich einmal gerne war.

Ja, ich hab’ ein Kind im Ohr. Und Sie? Haben Sie auch ein Kind im Ohr? Längst bin ich erwachsen wie Sie vermutlich auch, und irgendwann einmal ist mir von Erich Kästner zu Ohren gekommen: Nur wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, ist ein Mensch. Dann wäre es also nicht kindisch, dem Vorschlag mit der Pusteblume, dem Käferbeobachten, dem Malen und dem Singen zu folgen? Nein, es wäre menschlich. Nur, wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, ist ein Mensch.

Aber ich habe nicht nur ein Kind und Kästner im Ohr. Ich habe auch Jesus im Ohr. Ich habe Jesus im Ohr und höre ihn sagen: Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes. (Mk 10,14) und: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. (Mt 18,3)

Wenn Jesus das sagt, geht es auch um Pusteblumen und Käfer. Um das Staunen über diese kleinen, unscheinbaren Schönheiten. Staunen gehört zum Umfeld des Glaubens. Kinder können staunen. Und Erwachsene? – Umkehren und werden wie die Kinder – da ist nicht gemeint, den Blick nach hinten zu wenden und sich melancholisch und nostalgisch in die vergangene Kinderzeit zurück zu träumen. Umkehren und werden wie die Kinder, das kann heißen, vom Blick nach unten in den Blick nach oben zu wechseln. Wir Erwachsenen möchten gerne oben sein, alles im Griff haben. Und so sind wir in ständiger Gefahr, zu sehr nach unten zu schauen, herab zu schauen auf Waren und Dinge, auf anstehende Aufgaben und schon Geleistetes, herab zu schauen auf andere Menschen. Ein Kind schaut auf. Die Blickrichtung nach oben gehört zum Kindlichsten an einem Kind – schon allein wegen der geringeren Körpergröße. Was ein Kind erwartet, ist über ihm, nicht unter ihm. Alles lässt es sich geben. „Kinder strahlen – von Geschenk.“ (Heinrich Spaemann)

Das Staunen und das Aufschauen. Diese Haltungen mögen es sein, die Jesus meint, wenn er sagt, dass Kindern das Reich Gottes gehört, und mithin jedem Menschen, der erwachsen geworden und Kind geblieben ist. So hat Jesus auch selbst gelebt: Der Aufblick zum väterlichen, mütterlichen, freundlichen Gott ist die Blickrichtung Jesu. Das Aufschauen ist deshalb die Blickrichtung des Glaubens. Der Kirchenraum ist ein guter Ort, diese Blickrichtung zu üben und zu stärken. Die aufstrebende Architektur erleichtert das Aufschauen, zieht den Blick nach oben. Von oben strahlt das Licht in den Raum. Wenn wir den Blick erheben, sehen wir in den Glasfenstern, Bildern und Skulpturen Frauen und Männer, die vor uns geglaubt und ihre Erwartung auf Gott gesetzt haben. Im Aufschauen sehen wir das Bild Jesu Christi, des Gekreuzigten und Auferstandenen. Am gekreuzigten und auferstandenen Christus lesen wir den Gott ab, der uns nicht nur in allem Leid nahe ist, sondern der uns in allen Lebenslagen neues Leben verheißt. Ewiges Leben.

Natürlich ist auch mit geschlossenen Augen ein Aufschauen möglich. Die erhabene Musik der Orgel, die den Kirchenraum mit Klängen füllt, ist allemal geeignet, uns innerlich zu erheben und zu erfüllen.

„Gruß aus der Marienkirche Reutlingen“, Mai 2020

von Dr. Christoph Hoffmann-Kuhnt, ehrenamtlicher Mitarbeiter bei den Orgel-Gedanken


Pfingsten. Was bedeutet das Wort und das Fest eigentlich? Ich möchte das kurz erläutern: Der Name ist aus dem griechischen Wort ‘pentecosté‘ = 50. Tag (nämlich nach Ostern) abgeleitet und bezeichnet das Ende der Osterzeit. Die biblische Begründung des Pfingstfestes findet sich im Neuen Testament der Bibel, in der Apostelgeschichteim 2. Kapitel, wo die Ausgießung des Heiligen Geistes bzw. die Ausrüstung der Jünger mit dem Geist der Mission beschrieben wird. Dies wird auch als Geburtsfest der Kirche gefeiert.

So weit, so gut. Wenn ich es aber recht sehe, haben wir ziemliche Schwierigkeiten mit dem Erscheinen des ‘Heiligen Geistes‘. Ist die Pfingstgeschichte zu abstrakt, zu wenig konkret? Wie beschreiben wir den Geist, der uns bewegen soll; “wes Geistes Kind“ ist einer, dessen Auftreten und Reden uns befremdlich erscheint? ‘Zungenreden‘ gar, wie wir es von sogenannten Pfingstkirchen kennen, ist vielen höchst suspekt und eher geistlos als geistlich stark.

Ein Bild für das Pfingstgeschehen sind die Feuerflämmchen auf den Köpfen: wo Gottes Geist wirksam wird, da geht den Menschen ein Licht auf; da wird ihnen klar, wovon und wofür sie leben. Ein anderes Bild für den Geist Gottes ist der Wind. In alten Sprachen ist das Wort ‘Geist‘ gleichbedeutend mit Wind, mit Luft und Atem. Und so meinen wir es auch, wenn wir vom ‘frischen Wind‘ reden. Wir verbinden ‘Aufatmen‘ mit frischen Lebensgeistern, mit Aufbruch und Veränderung. Da weicht der Mief überkommener Einstellungen und Traditionen.

Ich frage mich, ob Pfingsten ein Ereignis der Vergangenheit ist, oder ob es noch vor uns liegt.  Wenn ich die Apostelgeschichte richtig verstehe und ernst nehme, dann ereignet sich Pfingsten dort, wo Menschen Aufbruch wagen, Gemeinsamkeiten entdecken und sich füreinander einsetzen. Nicht, weil sie gleiche Frömmigkeitsstile pflegen, gleich gesinnt sind und gemeinsam Stärke zeigen wollen, sondern weil sie sich trotz aller Unterschiedlichkeit und mit verschiedenen Gaben als Gottes Gesandte verstehen. Weil sie Aufbruch und Veränderung in den Köpfen und Hierarchien, in den Märkten und Verteilstrukturen dieser Welt bewirken wollen. Ein neuer Geist ist angesagt. Deshalb haben wir Pfingsten tatsächlich immer vor uns.

„Gruß aus der Marienkirche Reutlingen“

von Pfarrerin Sabine Großhennig


„Wissen Sie, Frau Pfarrer“, sagte sie zu mir, „am meisten macht mir zu schaffen, dass ich so gar nichts mehr für andere tun kann. Dafür bin ich zu alt. Ich kann eigentlich nur noch hier sitzen und beten.“

Die Frau, die das - vor etlichen Jahren, in meiner früheren Gemeinde- zu mir gesagt hat, war in der Tat nicht mehr jung. Sie war deutlich über 80 Jahre alt, konnte nicht mehr gut laufen, jedenfalls das Haus nicht mehr alleine verlassen. Und äußerlich betrachtet schien es wirklich so, als ob sie nicht mehr viel tun könnte. Aber für mich hat sie etwas sehr Wichtiges getan: Sie hat für mich gebetet – und, sie hat mich etwas gelehrt über das Beten.

Sie war, wie gesagt, deutlich über 80 und hatte ihr Leben lang schwer gearbeitet. Schon als junges Mädchen musste sie auf dem Hof der Eltern tüchtig mit anpacken. Später haben sie und ihr Mann miteinander ein Geschäft aufgebaut. Sie hat fünf Kinder großgezogen. Als die aus dem Haus gingen, hat sie die Schwiegereltern bei sich aufgenommen, später ihre Eltern gepflegt und zuletzt ihren Mann. Im ganzen Dorf war sie dafür bekannt, dass man bei ihr nicht zweimal um Hilfe anklopfen musste. Oh je, dachte ich zuerst, als sie davon erzählte: Wie kann man das schaffen – ein Leben nur im Dienst für andere? Aber je länger sie erzählt hat, merkte ich auch: In gewisser Weise hat sie das auch ein bisschen für sich selbst getan. Es war ihr Lebenselixier, für andere da sein zu können. Nun war sie selbst auf Hilfe angewiesen. Das fiel ihr nicht leicht. Aber zugleich hinderte sie das nicht daran, auch weiterhin für andere da zu sein, und zwar: durch das Gebet. Und ich muss sagen: das hat mich beeindruckt. Ich habe selten in einem Menschen so verkörpert gesehen, dass beten nicht nur eine Sache zwischen einem selbst und Gott ist.

Ich weiß ja nicht, was das Beten Ihnen bedeutet. Aber ich habe den Eindruck, für viele Menschen bedeutet es vor allem, sich selbst und das eigene Leben Gott anzuvertrauen, Gott um Hilfe zu bitten in schweren Zeiten. Und ich kenne das auch von mir selbst, dass ich dann besonders intensiv bete, wenn ich Hilfe brauche. Diese Frau aber bat Gott nicht um Hilfe für sich selbst. D.h., das hat sie vielleicht auch getan. Aber vor allem brachte sie im Gebet andere Menschen vor Gott mit deren Sorgen und Herausforderungen: Den Sohn, der vor einer Operation stand; die Enkelin, die bald ihr erstes Kind gebären sollte; die Nachbarin, deren Mann kürzlich gestorben war und auch mich, die Pfarrerin, deren Termine sie im Gemeindebrief gelesen hatte. So nahm sie, die das Haus kaum noch verlassen konnte, dennoch Anteil an unserem Leben, und zwar auf sehr mitfühlende und nachdenkliche Art und Weise: indem sie für uns betete.

„Wissen Sie“, sagte sie, „ich kann ja nicht mehr viel tun; nur noch hier sitzen und beten“.

Ich meine: das ist nicht wenig, sondern viel. Für mich jedenfalls war ihr Gebet eine sehr kostbare Gabe. Und ich denke: Vielleicht kann diese Erfahrung auch eine Hilfe sein in unseren Tagen, in denen wir wegen des Corona-Virus den direkten persönlichen Kontakt meiden müssen. Lassen Sie uns als Christenmenschen füreinander beten - leider nicht in der Kirche, aber schon miteinander, z.B. wenn die Glocken unserer Marienkirche läuten. Lassen Sie uns nicht nur, aber auch so in Kontakt bleiben miteinander. Und, wie sagt meine frühere Mesnerin immer am Telefon: Fühlen Sie sich in den Arm genommen!

„Gruß aus der Marienkirche Reutlingen“, Mai 2020

von Sabine Werner-Heid, ehrenamtliche Mitarbeiterin bei den „Orgel-Gedanken“


Meine Mutter war eine sehr kluge Pädagogin.

Obwohl wir als Kinder vor mehr als einem halben Jahrhundert nicht annähernd so viel Spielzeug hatten wie viele Kinder heutzutage, hatte sie zuweilen den Eindruck, dass wir so viel Zeug hätten, dass wir die einzelnen Sachen gar nicht mehr richtig zu würdigen wüssten. Manches, so fand sie, wurde von uns achtlos und lieblos behandelt, das Spiel damit schien langweilig zu sein und keine von uns Schwestern gab sich noch damit ab.

Dann konnte es sein, dass sie einige Plüschtiere und andere Spielsachen einfach wegräumte und so versteckte, dass wir sie nicht mehr fanden.

Das verärgerte uns zwar in dem Moment, aber irgendwann arrangierten wir uns damit, vergaßen es vielleicht sogar….und dann, eines Tages, holte sie das Spielzeug aus seinem Versteck - und siehe da, es war auf einmal etwas ganz Besonderes! Die Freude war groß, das Spielzeug fühlte sich auf einmal wie neu an, als hätte man es noch nie gesehen, und das Spielen damit machte wieder richtig Freude! Wir wussten wieder, was wir daran hatten und erkannten die Möglichkeiten, unser Spiel damit zu bereichern.

Warum ich Ihnen das erzähle?

In diesen Tagen der ersten Lockerungen der strengen Corona-Regelungen habe ich plötzlich dieses Gefühl wieder erlebt:

Dinge, die wir immer für selbstverständlich genommen hatten, wurden uns plötzlich weggenommen, ob wir wollten oder nicht. Zwar keine Spielsachen, aber liebgewordene Gewohnheiten, Aktivitäten, die unser Leben abwechslungsreich machten und bereicherten. Wir nahmen sie in unserem Alltag für selbstverständlich, sie gehörten einfach dazu und waren ganz normal – nichts Besonderes!

  • Sich mit Freundinnen in der Stadt treffen und einen Kaffee trinken.
  • Einem plötzlichen Impuls folgen und etwas einkaufen, was man gerade gerne haben möchte.
  • Verwandte besuchen oder zum Geburtstag einladen.
  • Keine Lust auf Kochen? Kein Problem, dann gehen wir heute eben mal aus zum Essen!
  • Die wöchentliche Chorprobe.
  • Im Verein Sport treiben oder ins Fitness-Studio gehen
  • Verreisen.
  • Einen interessanten Kurs besuchen
  • Jeden Sonntag entscheiden können, ob man in die Kirche zum Gottesdienst gehen möchte oder vielleicht doch lieber ausschlafen.

Alles ging plötzlich nicht mehr! Da erst merkten wir so nach und nach, wie uns diese Dinge fehlten! Wie viel von unserer alltäglichen Lebensqualität sie ausmachten! Wie anstrengend und frustrierend es war, darauf zu verzichten und die Durststrecke durchzuhalten!

Und jetzt geht doch allmählich so manches davon wieder, und ich fühle mich wieder wie als Kind, wenn ein lange nicht mehr auffindbares Spielzeug plötzlich wieder da war:

Es ist etwas ganz Besonderes! Ich wusste ja gar nicht mehr, wie schön es ist, es zu haben!

  • Sich wieder mit wenigstens ein paar Menschen treffen zu dürfen, und von Angesicht zu Angesicht ein bissle schwätzen – es muss gar nichts Weltbewegendes sein, was besprochen wird - nur einfach statt nur am Telefon die Stimme zu hören, auch das Gesicht, die Gestik des Gesprächspartners wieder sehen zu können!
  • In ein Textilgeschäft gehen und so etwas Unspektakuläres wie eine Jeans kaufen.
  • Der ersehnte Friseurbesuch!
  • Am Sonntag zum ersten Mal wieder eine richtige Orgel zu hören, deren Klang den Kirchenraum um mich her füllt und nicht nur aus dem Lautsprecher des Fernsehers ertönt….mit einer Gottesdienstgemeinde zusammen das Vaterunser murmeln….wenn auch nur durch die Schutzmaske ….am Schluss des Gottesdienstes von einem leibhaftigen Pfarrer den Segen zugesprochen bekommen.

Und die Vorfreude empfinden auf die weiteren Spielsachen, die wir hoffentlich auch bald wieder bekommen: den regelmäßigen Sport, die Geburtstagseinladung, irgendwann auch das gemeinsame Singen …

Vielleicht kann uns die Durststrecke der letzten Wochen und die kleinen Lockerungen, die wir jetzt wieder nach und nach erleben, da eine Lektion lehren: die kleinen Dinge des Alltags wieder bewusst als Geschenk zu sehen, nicht für selbstverständlich zu nehmen, bewusst zu genießen, und vielleicht am Abend vor dem Einschlafen im Gebet dafür zu danken!

 

„Gruß aus der Marienkirche Reutlingen“, Mai 2020

von Dr. Christoph Hoffmann-Kuhnt, ehrenamtlicher Mitarbeiter bei den Orgel-Gedanken


Einer der Sonntag nach Ostern trägt den Namen „Rogate“ = Betet! Eine Aufforderung und Einladung zum Zwiegespräch mit Gott. Innehalten ist die Botschaft.  Aus dem Stimmengewirr des Alltags der einen Stimme Gottes lauschen. Wie nun spricht Gott zu uns? Wie beten und sprechen wir mit ihm? Was geschieht beim Beten?

Beim sog. Präsenzdienst hier in der Marienkirche werde ich immer wieder nach Details der Ausstattung gefragt, z. B. der neugotischen Kanzel und ihrem Kanzeldeckel. Dort finden Sie ja typische Jugendstilelemente, allein die Ornamentik und die Engeldarstellungen. Die 7 Engelbüsten tragen folgende Spruchbänder:

Bittet! Höret! Klopfet an! Suchet! Wachet! Glaube nur! Seid Täter!

Alle diese biblischen Imperative gehören zur Sonntagsbezeichnung Rogate und zum Begriff Beten. Der häufig benutzte und lapidare Satz: „Da hilft nur noch beten“ wird fälschlich missverstanden als Hoffnungslosigkeit und Passivität. Ich verstehe ‘Beten‘ anders: als ein aktives Lauschen, Anklopfen, Wachsam-Sein. Und in diesem Hinein-Hören bemerken wir, dass Gottes Stimme verschiedene Ausdrucksformen hat:

Die Sprache der Worte, die wir in der Bibel lesen, die uns zugesprochen werden. Und die Sprache der Symbole, denen wir in Bildern und Figuren begegnen. Denken Sie an die Steinmetzarbeiten am Heiligen Grab, am Taufstein oder an der Empore.

Und dann die Sprache der Musik. Denken Sie an die Kirchenlieder, wo Text und Melodie sich so verbinden, dass wir oft die Verse nicht ohne Melodie hervorbringen können. Oder den Klang der Orgel, die wunderbare Vielfalt der Register, die stimmführenden Melodien oder das Basso continuo im Pedal.

Und dazu die Sprache der Stille, das Innehalten ohne Worte, ohne Ton. Oder besser gesagt: der Nachhall eines Textes, einer Musik. Und das ist ein wesentlicher Teil des Gebets. Das Nach-Hören und Nach-Denken bringt uns zum Nachfolgen, zum Vertrauen darauf, dass Gott unser Gebet annimmt.

„Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet“.
(Ps 66,20)

„Gruß aus der Marienkirche Reutlingen“, Frühjahr 2020

von Manfred Häußler, ehrenamtlicher Mitarbeiter bei den „Orgel-Gedanken“


Der Blick in den Spiegelgehört für uns alle zum täglichen Ritual. Nach dem Aufstehen im Badezimmer oder bevor wir das Haus verlassen an der Garderobe schauen wir hinein. Meist ist es ein eher flüchtiger Blick. Sind die Haare so, wie ich sie haben möchte? Sitzt die Mütze an der richtigen Stelle? Passen meine Kleidungsstücke zu einander? Wenn nicht, kann ich das korrigieren. Gut, dass es Spiegel gibt. Doch manchmal nehmen wir mehr als nur Äußerliches wahr. Beim Betrachten unseres Spiegelbildes geht der Blick tiefer. Wir fragen uns: Wer bin ich? Bin ich einverstanden mit meinem Leben? Habe ich Frieden mit der Person, die mich als mein Spiegelbild an-schaut? Die Bilanz, die ich dann ziehe, kann so oder so ausfallen. Zufrieden und dankbar oder beunruhigt und zweifelnd oder all dies zugleich. Wie auch immer, vor dem Spiegel sind wir mit uns und unserem Urteil allein. Und das kann manchmal recht hart ausfallen.

Die Schauspielerin Hanna Schygulla sagte einmal: Ich schaue mich nicht mehr selber so oft im Spiegel an; denn die Augen, mit denen man sich selber ansieht, sind nicht die, bei denen man am besten aufgehoben ist. […] Es reicht mir nicht, nur mich im Spiegel zu sehen, ich brauche ein Gegenüber, das mich anschaut. Ganz gewiss denkt Hanna Schygulla dabei zuerst an Menschen aus ihrem Lebensumfeld, an Kolleginnen und Kollegen, an Bekannte, an Menschen aus ihrer Familie, an Freundinnen und Freunde. Zusammengefasst: An Menschen, die ihr am Herzen liegen und denen sie wichtig ist.

Im biblischen Buch der Sprüche heißt es: Wie sich im Wasser das Angesicht spiegelt, so ein Mensch im Herzen des andern. (Spr 27,19) Wir alle kennen bestimmt mindestens einen Menschen, mit dem wir von Herzen verbunden sind. Das ist dann so ein Gegenüber, das mich anschaut – ein Spiegel, bei dem ich besser aufgehoben bin als im Spiegel meiner eigenen Augen. Eine gute Freundin, ein guter Freund schaut mich an mit einem Blick, der wohlwollend ist, der mich wertschätzt; mit einem Blick, der mich annimmt in meinem So-Sein und mich stärkt. Wo mir das Herz eines anderen Menschen ein Spiegel ist, da darf mich dieser Mensch auch ermahnen und zurecht bringen. Er wird es hoffentlich tun, ohne mich kleinzumachen und ohne sich von mir abzuwenden.

Gut, dass es menschliche Spiegel gibt, aus denen uns ein Spiegelbild freundlich ansieht. Doch von einem weiteren An-Sehen ist zu reden. In Psalm 32 heißt es von Gott: Ich will dich mit meinen Augen leiten. Also: Gott will uns mit seinen Augen leiten.

In einer ’Bibel für Schwoba’ – ja, das gibt es tatsächlich –, da heißt dieser Satz: I han a Aog auf de. Das klingt ein wenig nach ’big brother is watching you’. Besser gefallen würde mir: I guck noch dir. Darin steckt so viel: Ich kümmere mich um Dich. Ich bin für Dich da. Ich meine es gut mit Dir. Du kannst Dich auf mich verlassen. I guck noch dir. Ich will dich mit meinen Augen leiten. Gottes Blick auf jeden von uns ist ein Blick der Güte. Nicht in unserem eigenen Urteil über uns, noch nicht einmal in dem, was andere in uns sehen, liegt unser Ansehen begründet. Unser Ansehen und unsere Würde ergeben sich im Blick Gottes. So können wir werden, was wir in Gottes Augen sind, sein Gegenüber. Ich wünsche uns, dass wir dem Blick Gottes trauen, ihn suchen und ihn erwidern. Im Beten z.B. liefern wir uns diesem Blick der Güte aus. Ich schließe mit einem Satz von Teresa von Avila, die auch eine Lehrerin des Gebets ist; sie schreibt: Beten ist Verweilen bei einem Freund, mit dem wir oft allein zusammenkommen, einfach um bei ihm zu sein, weil wir sicher wissen, dass er uns liebt.

„Gruß aus der Marienkirche Reutlingen“, April 2020

von Judith Jünger, ehrenamtliche Mitarbeiterin bei den „Orgel-Gedanken“


Ich hätte nie gedacht, dass mir in meinem Leben ein Kirchenraum so ans Herz wachsen könnte. Vielleicht sogar noch besser „ins Herz wachsen könnte“. Die ganzen Wochen, wo die Marienkirche geschlossen war, habe ich diesen sakralen Raum ganz tief in mir gespürt.

Ich trage so viele Erinnerungen an den Innenraum der Marienkirche in mir, dass meine Seele ganz leichtfüßig darin herumgehen kann. Dabei lebe ich erst seit 15 Jahren in Reutlingen und bin in ganz anderen Kirchenräumen groß geworden. Die kleine fränkische Dorfkirche meiner Kindheit erinnere ich vor allem mit dem aufwändigen Schmuck mit Birkengrün und Papierblumen zu den Konfirmationen. Bei der kleinen markgräflichen Kirche im Nachbardorf fällt mir zuerst das Orgelspiel meiner Mutter ein. Sie hat dort ab und zu ausgeholfen und ich durfte ihr die Noten umblättern. Konfirmiert wurde ich in einer modernen Zeltkirche, von der mir vor allem die kleine Küche in besonderer Erinnerung ist. Dort haben wir beim Abwasch nach dem Osterfrühstück mit dem Pfarrer afrikanische Osterlieder geschmettert. Und im Jugendraum nebenan habe ich meine erste Jugendgruppe erlebt. Große sakrale Bauten haben meine Lebensjahre in Frankreich geprägt. Oft habe ich in der Kathedrale von Saint Denis im Norden von Paris gesessen und den Raum und das Licht auf mich wirken lassen. In der Abteikirche von Fécamp in der Normandie kann ich mich genau an meine Rundgänge durch dieses Bauwerk erinnern, an die Sichtachsen, das Moos auf den Wänden, die wunderbaren Konzerte, die ich dort gehört habe. Und nun gehört seit 15 Jahren eine neue Kirche in mein Leben – die Marienkirche in Reutlingen. Zahlreiche Taizégottesdienste im Chorraum mit dem Blick auf das wunderbare Altarkreuz und die Rosette an der Stirnseite sind tief in meinem Gedächtnis abgespeichert. Viele Osternächte sind in meinem Herzen ganz präsent – mit dem Osterlicht, das die dunkle volle Kirche nach und nach erhellt. Danach das obligatorische Osterfrühstück mit dem traditionellen Eierditschen – zumindest in unserer Familie: „Der Herr ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden“. Leicht übermüdet ging es nach einer kurzen Pause zu Hause in den anschließenden Osterfamiliengottesdienst, wo die Kinder im Chor sangen und das übermütige Ostereiersuchen denselben Kirchenraum innerhalb von wenigen Stunden völlig anders erleben ließen.

Die verschlossenen Kirchen zu Ostern waren schmerzhaft, aber ich merke, dass ich die Botschaft dieses Raumes in mir trage. Ich konnte mir zunächst nicht vorstellen, einen Text für die Orgelgedanken zu schreiben, wenn sie real gar nicht stattfinden. Aber nun, wo ich nachts vor meinem Computer sitze und diese Zeilen schreibe, trägt mich das innere Bild dieses Kirchenraumes. Mit meinem Körper, meiner Stimme, meinen Gedanken, meiner Seele bin ich ein Teil davon und diese Kirche ist ein Teil von mir. Ich sehe mich mit Einkaufstaschen oder leichtem Gepäck kurz vor 12 Uhr in die Kirche kommen, den handgeschriebenen Zettel mit den Orgelstücken entgegennehmen. Ich sitze immer in der ersten Reihe und warte auf das Läuten der Glocken und das Einsetzen des Orgelspiels. Erst wenn ich nach dem Verklingen des letzten Tons aufstehe, nehme ich wahr, wie viele Menschen in der Kirche sind – und bin oft erstaunt. Mittlerweile kenne ich den Klang meiner Stimme in dieser großen Kirche und nehme mich trotzdem ganz bewusst wahr, wenn ich am Mikrofon stehe. Ich bin dankbar, dass ich bei den Orgelgedanken kleine Texte, die auf unterschiedlichste Weise den Weg zu mir gefunden haben, weitergeben darf. Ab und zu finde ich die Zeit, selbst etwas zu schreiben. Das zweite Orgelstück erlebe ich oft als kurze, tiefe Meditation. Zum Abschied sage ich immer: Schön, dass Sie sich Zeit genommen haben, hier zu sein. Und ich freue mich, in Gesichter von Menschen zu blicken, die diese kurze Auszeit aus dem Alltag bewusst wahrgenommen haben.

Diesmal schreibe ich: Schön, dass Sie sich Zeit genommen haben, diesen Text zu lesen und in Gedanken mit mir bei den Orgelgedanken zu sein. Ich kann Ihre Gesichter nicht sehen, aber ich freue mich, Sie in nicht allzu langer Zeit wieder zu treffen. Alles Gute für Sie und bleiben Sie behütet.

„Gruß aus der Marienkirche Reutlingen“, April 2020

von Dr. Christoph Hoffmann-Kuhnt, ehrenamtlicher Mitarbeiter bei den Orgel-Gedanken

Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden. (
aus Lukas 24)

Plastisch dargestellt ist dieses Ostergeschehen am sogenannten Heiligen Grab im Chorraum unserer Marienkirche: an einem leeren Sargtrog stehen Johannes und die drei Marien (Marias), wie bei Markus 16 berichtet. Sie sind gekleidet wie Bürger am Ende des 15.Jhs hier in Reutlingen. Davor die schlafenden Wächter mit Lanze und Arkebuse (eine Art Gewehr), darüber in einer eigenen Nische der Auferstandene mit leuchtend rotem Gewand und der Osterfahne. Und weiter oben die Halbbüsten von Propheten des Alten Testaments. Bildlich fährt Jesus auf zu den Vätern seines Glaubens in das Reich der Verheißung.

Eine großartige Steinmetzarbeit, ohne Datum oder Herkunftsbezeichnung, vermutlich aus der gleichen Bauhütte, wie der Taufstein, bei dem wir das Datum der Aufstellung 1499 finden - also beides aus vor-reformatorischer Zeit.

Gerne wüsste ich, wie der Reutlinger Reformator Matthäus Alber damals diese Darstellung (etwa 25 Jahre nach Aufstellung) gesehen hat. Zeigt sie die Erhöhung Jesu? Hilft sie die Auferstehung Jesu zu verstehen? Mich beschäftigt dabei das Größenverhältnis der Figuren – Christus ist nur halb so groß wie Johannes!  Wird mit solch perspektivischen Verkleinerung die Himmelfahrt angedeutet? Je weiter eine Figur vom Betrachter entfernt ist, desto kleiner wird sie. Also Christus wird „erhöht“, wie es in älteren Texten heißt.

Mit dem Verstand ist das Ostergeschehen ja nur schwer zu fassen. Viele sagen „ich glaube nur, was ich sehe, was ich begreifen kann; nur das hat Bestand“. Auch die Jünger konnten die Auferstehung Jesu zunächst nicht fassen. Denken Sie an Thomas, er will Jesus Wunden berühren, um zu verstehen. Und wir hätten heute gerne ein Beweisfoto. Es ist aber eine Angelegenheit des Glaubens, eine zentrale Aussage unseres christlichen Bekenntnisses. Hilft uns die Darstellung des Heiligen Grabes?

Der erste Sonntag nach Ostern trägt die alte Bezeichnung „Quasimodogeniti“ - zu deutsch: wie die neugeborenen Kinder, also unbefangen und voller Urvertrauen, geborgen im Arm der Mutter. Gerne wird an diesem Sonntag über den zweifelnden Thomas gepredigt, der den Auferstandenen berühren wollte. Und er bekommt die Antwort: „selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Es geht also um die unsichtbare Gemeinschaft mit Christus und um das kindliche Vertrauen, mit dem wir Anteil bekommen an Jesu neuem Leben.

Mir jedenfalls hat die Darstellung des Heiligen Grabes die Augen geöffnet für das Oster-geschehen und die Zusammenhänge prophetischer Aussagen im Alten Testament, auf die sich Jesus immer wieder beruft. Und so überwindet Gott den Tod mit neuem, ewigem Leben.

„Gruß aus der Marienkirche Reutlingen“, April 2020

von Dr. Christoph Hoffmann-Kuhnt, ehrenamtlicher Mitarbeiter bei den Orgel-Gedanken


Wir befinden uns mitten in der Karwoche, auch „stille Woche“ genannt. Es ist im Kirchenjahr die letzte Woche der Fasten- oder Passionszeit in der wir Jesu Tod nachspüren. Stille Woche deshalb, weil früher die Orgel in der Kirche schwieg, auch in „normalen“ Jahren keine öffentlichen Festlichkeiten oder Tanzveranstaltungen stattfanden. Heute beschränkt sich das meist auf den Karfreitag.

Zwei Worte werden Sie in diesen Tagen besonders begleiten: „Für dich!“:

Z.B. zusammen mit einem bunten Primel-Körbchen als Ostergruß oder einer selbst gemalten Grußkarte der Enkelkinder - „Für dich!“ Da ist dann alles drin enthalten in diesen Worten: die Freude darüber, etwas selbst ausgedacht und gemalt zu haben; die Spannung auch, ob es gut ankommt; und die Erwartung, dass es geschätzt und gewürdigt wird.

„Für dich!“ Wann haben Sie zum letzten Mal diese Worte gesagt bekommen oder sie selber gebraucht? Ich meine, gesagt und gebraucht in diesem guten Sinn, bei dem es überflüssig ist, mit noch weiteren Worten das Warum oder Wozu zu begründen? Wo wirklich alles in diesen zwei Worten enthalten ist und sie nur eines deutlich machen wollen: Du bist mir wichtig, du liegst mir am Herzen und dir will ich etwas Gutes tun!

Wir hören diese zwei Worte „für dich“ auch beim Abendmahl. Wir stehen – hoffentlich bald wieder – im Halbkreis am Altar, die Hostie oder ein Stück Brot wird uns gegeben mit den Worten „Der Leib Christi, für dich gegeben!“ Und es wird der Kelch gereicht, und wir hören: „Das Blut Christi, für dich vergossen!“ Diese Worte sprechen vom Leidensweg Jesu. Wir erkennen in diesem Leidensweg eine besondere Zuwendung Gottes an uns. Es sind persönliche Worte, und sie gelten dem, der sich von Gott einladen lässt.

Diese Karwoche hat den Ruf einer bedrückenden und kargen Zeit. Sie hören den Gleichklang? das althochdeutsche Wort „kara“ steht für Klage, Kummer, Trauer. Vermutlich wirkt darin noch das kirchliche Zwangsfasten früherer Jahre nach, das Tragen schwarzer Kleidung und die Ablehnung fröhlicher Gemeinschaft. In vielen katholischen Kirchen wird der Altar mit violetten Tüchern verhängt, als sichtbares Symbol der Trauer.

Mir ist diese „stille Woche“ eine Hilfe, weil ich sie jedes Jahr von neuem als Chance wahrnehme, dem Weg Jesu nachzuspüren, an dessen Ziel das Kreuz von Karfreitag und das leere Grab steht mit der unsichtbaren Schrift darüber geschrieben: ‘Für dich!‘ - zwei wohltuende Worte, die die Vergebung der Schuld und neues, von Gott geschenktes Leben verheißen. Insofern - weniger Trauer, als vielmehr tiefe Dankbarkeit für diese zwei Worte: ‘Für dich!‘

„Gruß aus der Marienkirche Reutlingen“, April 2020

von Annette Bachofer, ehrenamtliche Mitarbeiterin bei den „Orgel-Gedanken“


Wir sind nun fast am Ende der Passionszeit angekommen. Passions- Leidenszeit Jesu bis zum Tod am Kreuz. Dieses Jahr sind wir nicht nur aufgerufen, so wie sonst immer, das Leiden Christi zu bedenken, mitzugehen in Gebeten, Liedern, Andachten, auch mit Fasten und Verzicht als Zeichen der inneren Einkehr, nein, dieses Jahr wird uns allen ohne unser Zutun eine Zeit des Leidens, der Einschränkung, der Angst und Traurigkeit auferlegt, und wir müssen sie durchstehen, ob wir wollen oder nicht.

Unsere so sehr geschätzte individuelle Freiheit, unsere Sicherheit, unser mehr oder weniger bequemes, ungebundenes Leben - alles ist ganz plötzlich unterbrochen worden. Angst, Hilflosigkeit, Ungewissheit, Krankheit und äußere Not beherrschen die meisten Menschen. Ein Ende ist nicht abzusehen und auch nicht, wie es danach weitergehen wird.

In dieser unserer eigenen Passionszeit schauen wir auf Jesus. Wie hat er sein Leiden ertragen? Bei Matthäus lesen wir: Jesus ging in den Garten Gethsemane, um zu beten. Seine Seele war zu Tode betrübt und er fing an, zu trauern und zu verzagen. Angst und Traurigkeit wollten ihn überwinden. Er betete zu Gott: „Mein Vater, wenn es möglich ist, lass diesen bitteren Kelch an mir vorübergehen“. Jesus hat mit Gott gesprochen und hat ihn angefleht, ob der bittere Tod ihm nicht doch erspart werden könne. Er war ja auch ein Mensch und hatte Todesangst vor dem Sterben am Kreuz.

Auch wir dürfen und sollen in unserer Not Gott anflehen, dass wir diese Leidenszeit überstehen, dass wir nicht schwer krank werden oder sogar sterben müssen. Und auch, dass nicht unsere ganze Existenz einbricht und wir in Not und Elend kommen. Jesus betet aber noch weiter: „aber nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ Jesus wendet sich in höchster Not an seinen Vater, aber er ergibt sich dabei in Gottes Willen und vertraut darauf, dass er ihn hört und dass am Ende alles gut wird.

Wir wollen uns hier nicht weiter mit Jesus vergleichen, aber sein Beten und Flehen gilt auch für uns: Gott um Hilfe bitten, um Rettung aus Angst und Verzweiflung, um Gesundheit und die Kraft, unsere Zukunft zu bewältigen und ein zufriedenes und dankbares Leben führen zu können. Doch auch den Schluss des Gebetes dürfen wir nicht vergessen: „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“ Gott hat die Bitte Jesu nicht erfüllt, der Tod am Kreuz musste sein. Aber er blieb nicht der letzte Akt in Gottes Plan. Nach Karfreitag kam und kommt Ostern, Auferstehung, Sieg über Tod und Grab am Ende ewiges Leben bei Gott. Zum Schluss der Passionszeit singen wir: „Dein Kampf ist unser Sieg, dein Tod ist unser Leben; in deinen Banden ist die Freiheit uns gegeben.“ Und wenn die Virusepidemie hoffentlich bald überstanden ist, werden wir singen: „Danket dem Herrn, denn er ist freundlich und seine Gnade währet ewig und seine Wahrheit für und für“.

„Gruß aus der Marienkirche Reutlingen“,  März 2020

von Manfred Häußler, ehrenamtlicher Mitarbeiter bei den „Orgel-Gedanken“


„Zuversicht! Sieben Wochen ohne Pessimismus“ – so heißt das Motto der diesjährigen Fastenaktion der Evangelischen Kirche in Deutschland. Es ist auch überall dort ein gutes Motto, wo es um die Sehnsucht nach Frieden und um den Einsatz für den Frieden geht. Sieben Wochen ohne Pessimismus, ja gut, aber was dann? Angesichts der Krisen und Bedrohungen ist ganz gewiss kein blauäugiger Optimismus angebracht. Pessimismus und Optimismus, beide -ismen helfen nicht in so komplexen Problemen wie dem Kampf gegen das Corona-Virus, bei der humanitären Hilfe für die geflüchteten Menschen an den Grenzen Europas und der politischen Befriedung Syriens, auch nicht bei der Gefahrenabwehr in unserer Demokratie und dem Eindämmen des Hasses, der jüdischen und farbigen Mitbürgern auf der Straße und in Fußballstadien entgegenschlägt. Diese Liste des Schreckens und Unfriedens ließe sich leicht noch verlängern. „Zuversicht! Sieben Wochen ohne Pessimismus“.

Zuversicht also. Der Duden beschreibt Zuversicht als festes Vertrauen auf eine positive Entwicklung in der Zukunft, auf die Erfüllung bestimmter Wünsche und Hoffnungen. Mich erinnert das sehr an einen Satz im letzten Abschnitt des Hebräerbriefes (11,1): Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. Wenn wir die Beschreibung aus dem Duden in den Satz aus dem Hebräerbrief einsetzen, dann ergibt sich: Es ist aber der Glaube ein [festes Vertrauen auf eine positive Entwicklung in der Zukunft, auf die Erfüllung bestimmter Wünsche und Hoffnungen], auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.

Der zuversichtliche Glaube ist damit eine Kraft, die mehr zu behaupten wagt, als es der Anschein zeigt. Der zuversichtliche Glaube versetzt uns in die Lage, mehr zu sagen, als es das eigene Herz von sich aus könnte. Der zuversichtliche Glaube hält daran fest, dass eines Tages die Lahmen gehen, die Blinden sehen und die Gefangenen befreit sein werden. Im Auftaktgottesdienst zur Fastenaktion wurde die Geschichte von der Stillung des Sturms auf dem See Genezareth erzählt. Die Jünger rudern mit dem schlafenden Jesus im Boot ans andere Ufer. Dann erhebt sich ein Sturm und der See wird zu bedrohlich hohen Wellen aufgepeitscht. Die Jünger tun im Sturm das, was sie gut können; es sind ja Fischer darunter, rudern können die. Es ist gut und notwendig, dass sie diese ihre Gabe einsetzen, sonst würde das Boot augenblicklich kentern. Aber sie kommen an ihre Grenzen. Rudernd, was das Zeug hält, wenden sie sich an Jesus, genauer gesagt, sie schreien nach ihm. Sich an Jesus wenden, auch wenn es schreiend geschieht, das nennen wir heute beten. Und so zeigen die Jünger damals im Boot, was auch wir heute tun können, wenn wir uns für den Frieden, die Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung einsetzen wollen: Rudern, was das Zeug hält, und intensiv beten. Anders gesagt: Unsere Gaben tatkräftig für die Menschen einbringen und unser Gebet nachdrücklich vor Gott bringen, am besten beides ineinander. Martin Luther sagte einmal: Man muss beten, als ob alles Arbeiten nichts nützt, und arbeiten, als ob alles Beten nichts nützt. Wo wir das fertigbringen, da hat das Fastenaktionsmotto seinen Platz: „Zuversicht! Sieben Wochen ohne Pessimismus“.

„Gruß aus der Marienkirche Reutlingen“, März 2020

von Sabine Werner-Heid, ehrenamtliche Mitarbeiterin bei den „Orgel-Gedanken“

Die Geschichte vom barmherzigen Samariter – sie passiert heute noch genauso wie zu biblischen Zeiten.

In einem Gruppenchat in meinem Freundeskreis erzählte eine Bekannte ein Erlebnis, das sie kürzlich auf dem Heimweg von der Arbeit hatte. Eines Abends nach Feierabend war sie auf dem Weg vom Betrieb zu ihrem geparkten Wagen, durch eine stille, schon dunkle Straße. Da kam ein Mann auf sie zu, leicht stolpernd und schwankend, und obwohl sie es in der dunklen Straße kaum erkennen konnte, war sie sich ziemlich sicher, dass er dunkelhäutig war und die Art von leicht angeberischer Kleidung anhatte, wie sie junge Flüchtlinge gerne tragen. Sie versuchte, ihm auszuweichen, aber auch er änderte seine Richtung und kam direkt auf sie zu. Als er nahe genug war, rief er: „Hey, hallo Sie, können Sie mir sagen, wo es zum Bahnhof geht?“ Sie fühlte sich sehr unsicher und nervös - war das vielleicht nur eine billige Masche der Anmache? Und offensichtlich betrunken war er ja auch noch ... Sie schaute ihn sich vorsichtig näher an – er konnte wirklich nicht gerade stehen, aber er sprach ganz klar. „Ich…ich bin ein bisschen betrunken“, sagte er, „und deshalb finde ich den Weg zum Bahnhof nicht mehr – wenn Sie mir einfach sagen könnten, wo ich langgehen muss, das wäre super!“ Er kam noch etwas näher, und sie schaute in sein Gesicht, das fast noch kindliche Gesicht eines sehr jungen Mannes. Ja, er war dunkelhäutig, und er sprach absolut akzentfreies Deutsch. „Ich weiß wo es zum Bahnhof geht“ sagte sie und überlegte, wie sie es einer so offensichtlich verwirrten Person am besten erklären könnte. Er redete und redete und erklärte ihr, dass er unheimlich dankbar wäre, wenn sie ihm helfen würde – er hätte ganz bestimmt keine bösen Absichten, und es täte ihm wirklich leid, dass er sie in so einem Zustand anspreche, aber er hätte sich einfach verirrt und brauche ihre Hilfe. Sie überlegte ganz kurz, dann traf sie ihre Entscheidung, grinste ihn an und sagte: „Also wenn Sie zu betrunken sind, um geradeaus zu laufen, und zu betrunken, um den Weg zum Bahnhof zu finden, dann sind Sie auch zu betrunken, um mir was anzutun – warum gehen wir nicht einfach zusammen zu meinem Auto und ich fahre Sie schnell hin?“ Auf dem Weg zum Auto gestand er ihr, dass er verschiedene Drogen zu sich genommen hatte, aber er versicherte ihr, dass er ein netter Mensch wäre und nicht etwa aggressiv werde, wenn er etwas genommen hätte, und irgendwie glaubte sie es ihm. Er war unheimlich dankbar für ihre Hilfe, und sie kamen in ein nettes Gespräch. Er fragte sie Dinge, die er sicher normalerweise eine völlig Fremde nicht gefragt hätte, zum Beispiel wie alt sie wäre und was ihr Job wäre, und ob sie schon jemals betrunken gewesen wäre. Er war beeindruckt, als sie ihm erzählte, dass sie noch nie im Leben Drogen genommen hätte, und sagte, das solle sie auch unbedingt weiterhin sein lassen! Als sie sich am Bahnhof verabschiedeten, wünschte er ihr ein wunderbares Leben.

Bleibt noch anzumerken, dass meiner Bekannten die offensichtliche Parallele zur Geschichte vom barmherzigen Samariter gar nicht wichtig war – es war ihr fast ein wenig peinlich, als jemand sie darauf aufmerksam machte. Sie wollte eigentlich nur verdeutlichen, was für überraschende kleine Erlebnisse der Alltag einem ab und zu beschert, wenn man über seinen Schatten springt und unkonventionell handelt.

„Gruß aus der Marienkirche Reutlingen“, März 2020

von Manfred Häußler, ehrenamtlicher Mitarbeiter bei den „Orgel-Gedanken“


Kennen Sie das auch? Unter allen Tassen, die Sie im Schrank haben, ist die eine oder andere, die eine Macke oder einen Sprung hat? Wenn Besuch kommt, bleibt sie im Schrank. Aber immer mal wieder gerät sie Ihnen in die Hände, wenn Sie für sich einen Tee oder Kaffee machen. Vielleicht ist es sogar Ihre Lieblingstasse. Darum können Sie sich – trotz der Macke – von dieser Tasse nicht trennen. Wegscheißen, nur weil sie nicht mehr unversehrt und perfekt ist? Kommt gar nicht in Frage!

Ich möchte auch nicht einfach weggeschmissen werden, nur weil ich einen ’Sprung’ habe. Wer von uns kann schon behaupten, ohne Verletzungen durch’s Leben zu gehen? Es ist ein rasch vergehender Traum der Kinderzeit, dass immer alles glatt geht, dass die Wege, die man privat und beruflich geht, geradlinig sind. Neben allem Schönen und Beständigen gibt es – unverhofft kommt oft – leider auch Brüche und Verwerfungen, die im Leben Macken und Sprünge hinterlassen.

In Japan gibt es eine Kunst, die Kintsugi genannt wird, übersetzt ’Goldreparatur’. Wenn eine wertvolle Keramikschale in Scherben zerbricht, wird sie wieder zusammengefügt.

Nicht ohne sichtbare Risse, das wäre ja unmöglich. Aber: Die Bruchstellen werden nicht nur mit besonderem Kitt und Lack geflickt, sondern auch mit Goldstaub. So wirken die Brüche besonders kostbar, das ganze Gefäß ist neu und anders, es glänzt sogar. Jede wiederhergestellte Schale zeigt: Ich bin gebrochen, an verschiedenen Stellen. Ich habe vieles überstanden. Es hat Mühe und Zeit gekostet, wieder ganz zu werden, wieder neu gefüllt werden zu können. Aber genau das macht mich einzigartig. (Quelle: Iris Macke, Der Andere Advent 2017/18, zum 2.12.)

Wo gibt es einen Künstler, ein Meister müsste er schon sein, der auf solche Weise mich und mein Leben in die Hand nimmt, der es sich Mühe und Zeit kosten lässt, mich heil und ganz zu machen? Gibt es so jemand? Im 17. Jahrhundert sagte der französische Mathematiker, Physiker und Philosoph Blaise Pascal: „Es ist nicht auszudenken, was Gott aus den Bruchstücken unseres Lebens machen kann, wenn wir sie ihm ganz überlassen“. Er gibt die Antwort: Gott will mit den Bruchstücken unseres Lebens umgehen. Er ist der Goldreparateur. Und das heißt ja auch: Gott legt uns nicht beiseite, er wirft uns nicht weg, wenn nicht alles unversehrt und perfekt ist. Es ist ein beruhigender Gedanke, bei Gott nicht mackenfrei und makellos sein zu müssen. Ich muss nicht wie das ’gute Geschirr’ sein, denn Gott ist nicht nur zu Besuch bei mir. Er beseitigt auch nicht die rissigen Spuren, die das Leben hinterlässt, schon gar nicht rückstandsfrei. Wie beim Kintsugi kittet er sie mit Goldstaub. So wirken die Brüche besonders kostbar, das ganze Gefäß – hier: der ganze Mensch – ist neu und anders. Im Rückblick auf unser Leben erkennen wir tatsächlich manchmal, dass gerade die Sprünge und Brüche dem Leben seine besondere Gestalt geben. Wir merken, dass wir an dem gewachsen sind, was uns zunächst widerwärtig schien, was uns lähmte, zweifeln oder gar verzweifeln ließ.

Ich wünsche uns allen, dass wir sagen können: Ich bin zwar gebrochen, an verschiedenen Stellen. Ich habe vieles überstanden. Es hat Mühe und Zeit gekostet, wieder ganz zu werden, wieder neu gefüllt werden zu können. Aber genau das macht mich einzigartig. Gott sei Dank!

„Gruß aus der Marienkirche Reutlingen“, März 2020

von Pfarrerin Sabine Großhennig


An der kleinen Kirche meiner früheren Pfarrstelle haben sich vor etlichen Jahren Jugendliche einen originellen, allerdings gefährlichen Mai-Scherz einfallen lassen. Sie sind mitten in der Nacht mit einer Leiter auf das Kirchendach geklettert. Von dort aus konnten sie den kleinen, offenen Turm erreichen. Und dort haben sie die Klöppel der Glocken mit dicken Tüchern umwickelt.
Am nächsten Morgen wusste fast jeder im Dorf davon. Nicht, weil die Jugendlichen damit geprahlt hätten – das taten sie wohlweislich nur im kleinen Kreis. Nein, den Leuten fiel einfach auf, dass die Glocken nicht läuteten.

Ich denke, das geht vielen so: Egal ob sie sich nun der Kirche zugehörig fühlen oder nicht, der Klang der Glocken gehört einfach dazu – am Sonntag aber auch an Werktagen.

Auf dem Dorf hat das sicher noch eine größere Bedeutung. Im Nachbarort zum Beispiel läutete die Mesnerin die Sterbeglocke, sobald sie vom Tod eines Menschen erfuhr. Oder beim Mittagsläuten beeilten die Schulkinder sich, ihren Bus zu erreichen. Ganz selbstverständlich halfen die Glocken, den Alltag zu strukturieren.

Aber auch in der Stadt kommt es vor, dass Menschen bewusst oder ganz nebenbei den Klang der Glocken wahrnehmen. Ich denke da zum Beispiel an eine Frau, die im Krankenhaus nächtelang wach lag, weil sie Schmerzen hatte und ihr so viele Nachtgedanken durch den Kopf gingen. „Wenn ich nicht wenigstens am Stundenschlag der Glocken gemerkt hätte, dass auch diese lange Nacht allmählich zu Ende geht, wäre ich verrückt geworden“, hat sie gesagt. Erfreulicher ist es, wenn am Sonntagmorgen die Glocken so eine Art „Sonntagsgefühl“ wecken- auch, wenn man sie nur im Halbschlaf hört und sich nochmal auf die andere Seite drehen kann. Man weiß ja: es ist Sonntag.

Sicher, manche Leute ärgern sich auch über das Geläut und fühlen sich davon gestört. In vielen Orten ist es deshalb immer mehr aus dem Alltag verdrängt worden. Das finde ich schade. Obwohl ich auch neben einer Kirche wohne, würde ich ungern auf den Klang der Glocken verzichten. Ich mag es als Alltagsgeräusch, das mir ganz nebenbei anzeigt, „was die Stunde geschlagen hat“. Und ich mag es, wenn mich die Glocken am Sonntagmorgen daran erinnern, dass die Woche nicht nur Werktage hat.

In diesen Wochen nun, in denen wir, um das Ansteckungsrisiko klein zu halten, körperlich Abstand halten müssen voneinander, können auch die Glocken eine größere Bedeutung haben als sonst: Neben persönlichen Anrufen, Mail-Kontakten oder so, die jetzt ganz wichtig sind, können sie viele Menschen unserer Stadt gleichzeitig erreichen. Die Glocken unserer Marienkirche etwa läuten, wie die anderen Kirchen, zu den üblichen Gebetszeiten am Morgen, Mittag und Abend. Und auch am Sonntagmorgen läutet die Betglocke weiterhin um 10 Uhr. Sie kann uns nun nicht zum Gottesdienst zusammenrufen. Aber sie kann uns einladen, in diesen schwierigen Zeiten füreinander und miteinander zu beten. Und ganz nebenbei erinnert der Stundenschlag daran, dass auch diese Zeit nicht für immer dauern wird.

Gott behüte sie!

„Gruß aus der Marienkirche Reutlingen“, März 2020

von Pfarrerin Sabine Großhennig


„Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf all deinen Wegen.“ Dieser Vers aus dem 91. Psalm ist bei uns der beliebteste von allen Taufsprüchen. Viele Eltern suchen für die Taufe ihrer Kinder dieses Bibelwort aus und bitten so darum, dass Gott sie bewahren möge auf ihrem Lebensweg. Mich erinnert dieser Psalmvers an den Engel auf unserer Marienkirche und an alte Schutzengel-Bilder. Auf ihnen ist ein Kind zu sehen, das geradewegs auf einen tiefen Abgrund zuläuft oder gar darüber balancieren will. Aber hinter ihm steht ein schöner großer Schutzengel mit ausgebreiteten Flügeln. Er fasst das Kind am Rockzipfel und bewahrt es vor der Gefahr. Ich kann gut nachvollziehen, dass Eltern sich das für ihre Kinder wünschen, dass sie so vor allen Abgründen des Lebens bewahrt werden mögen. Denn Eltern, überhaupt wir Erwachsenen wissen ja nur zu gut, wie viele Gefahren es im Leben gibt, wie viele Dinge einem Angst machen können. Und da tut es mir gut zu hören, dass Gott uns mit den Gefahren des Lebens nicht alleine lassen will.

Aber – wir Erwachsenen wissen eben auch, dass Gott uns nicht alle Gefahren, alle Angst und auch nicht alle Abgründe des Lebens erspart. Jedenfalls ist das meine Erfahrung. In manchen Zeiten wünschte ich mir mehr Hilfe und Unterstützung. Und es gibt Situationen im Leben, da frage ich mich: Wo sind sie denn geblieben, Gottes Engel, die mich oder andere Menschen behüten und bewahren sollen? Zum Beispiel, wenn ich mit einer Familie die über den Tod ihres Sohnes oder ihrer Tochter, von Mutter oder Vater sprechen muss. Wenn die Familie dann fragt: Warum? Warum er, warum sie? Und warum hat Gott das nicht verhindert? Dann wünsche ich mir sehr, ich hätte eine einfache, klare und womöglich tröstliche Antwort. Aber die habe ich nicht. Ich weiß auch nicht, warum das Leben uns manchmal soviel Schmerzen und Angst zumutet. Ich weiß auch nicht, warum Gott das Leben nicht einfach ideal und ohne Schmerzen eingerichtet hat. Ich weiß nur, wie Sie auch, dass unser Leben eben eine Mischung ist aus schönen und aus schweren Zeiten. Dass manchmal auf unverdientes großes Glück auch ebenso unverdientes großes Leid folgen kann. Und Gott regelt weder das eine noch das andere für uns.

Meiner Erfahrung nach beseitigt Gott weder die Abgründe noch die Hindernisse auf den Wegen des Lebens. Aber meine Erfahrung ist auch, dass Gott gerade in den abgründigen Zeiten des Lebens eine ganz besondere Art hat, bei mir, bei uns zu sein. Dass er mir Kraft gegeben hat, als ich erschöpft war und neue Hoffnung, als ich nicht mehr weiterwusste. Und deshalb vertraue ich dem alten Psalmgebet, das sagt: „Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf all deinen Wegen“.

Und das wünsche ich Ihnen auch!